Falls die Aufführungstermine im Juni 2021 aufgrund der Coronamaßnahmen nicht vor Publikum stattfinden können, werden wir Ihnen das Stück online zeigen - Informationen dazu finden Sie dann hier!

 

At the still point of the turning world ... there the dance is, heißt es bei T.S Eliot.

„Stirn an Stirn. Nase an Nase. Hand an Hand. Oberschenkel an Oberschenkel. Die beiden Frauen stehen so dicht beieinander in dem kleinen Lichtkreis des Spotscheinwerfers, dass sich ihr Atem mischt. Die Augen sind geschlossen. Könnte man die Distanz zwischen ihnen messen, der Wert würde bei null liegen…

Die Körper der Frauen lösen sich Stück für Stück voneinander, und im Raum breitet sich … ein Spannung aus, die nicht mehr und nicht weniger als die Grundambivalenz menschlichen Lebens enthält: Wir suchen nach Nähe, aber sie beengt uns, und wenn wir völlig frei sind, sidn wir allein.“ So schildert Bert Strebe seine ersten Eindrücke von ZERO in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

ZERO, Krise, Wendepunkt. Wir beginnen nicht mit Antworten, sondern mit Fragen – und wie so häufig ergibt es sich, daß wir damit mitten in den Verwerfungen der Gegenwart landen. ZERO ist eine Reise zum Nullpunkt, zum Shutdown – eine Reise zu den persönlichen Nullpunkten und Krisen ebenso wie zu den großen Bedrohungen unserer Zeit, die Ende sein können, aber auch Neubeginn.

Die ersten Idee zu dem neuen Projekt mit Minako Seki und Yumiko Yoshioka haben wir schon ein Jahr vor der Corona-Krise zusammen getragen. Und so bildet nicht diese den Haupt-Negativ-Pol unserer Arbeit, sondern der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, schließlich sind die beiden Tänzerinnen Japanerinnen. Die Erfahrungen, die sich den Japanern buchstäblich eingebrannt haben, hat ihre Kindheit geprägt wie die Schatten des zweiten Weltkriegs sich über der Kindheit derer lag, die im Deutschland der 1950er Jahre geboren wurden. Aber das ist nur der eine Pol unserer Arbeit. ZERO im Sinne des japanischen Ku steht für die Idee des Nichts, der Leere als Möglichkeit und Potenz. Zwischen diesen Polen osziliert unser Stück und entwickelt sich kreisförmig wie das Leben in konzentrierten Tanz-Bildern.
Mit ZERO setzt COMMEDIA FUTURA die künstlerische Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Choreographinnen Minako Seki und Yumiko Yoshioka fort, die 2017 mit der erfolgreiche Produktion TWO begann, die in der EISFABRIK Hannover und im Dock 11 in Berlin für ausverkaufte Vorstellungen sorgte und u.a. auf den Festival TANZtheater INTERNATIONAL in Hannover und tanztausch Köln zu sehen war.

 

Gefördert von: Landeshauptstadt Hannover, Land Niedersachsen, Stiftung Niedersachsen, Stiftung Kultur-Region, Stadtbezirksrat Südstadt-Bult

 

 

 

Ensemble


Choreographie/Tanz: Minako Seki, Yumiko Yoshioka
Live-Musik: Benjamin Kövener
Inszenierung/Regie/Bühne: Wolfgang A. Piontek
Regieassistenz: Sina Thomas, Tabea Below, Pia Johanna Leipold
Dramaturgie: Peter Piontek
Videos: Volker Schreiner
Lichtdesign: Jörg Finger
Technische Leitung: Wolfgang Denker
Kostüme: Mido Kawamura
Administration: Judith Elbeshausen, Deniz Maschmann
Organisation: Achim Bernsee

Neue Presse | 05.10.2020
Hochintensives Tanztheater-Erlebnis
von Christian Seibt

"Zero", die Tanztheater-Performance mit den beiden japanischen Butoh-Tänzerinnen-Choreographinnen Minako Seki (*1961) und Yumiko Yoshioka (*1953), fesselt die Zuschauer von Anbeginn und lässt sie bis zum Finale nicht mehr los. Ungewöhnliche Tanz- und Bewegungsabläufe, Körperhaltungen und Tanzfiguren, von geschmeidigen bis zu abrupt-kantigen Bewegungen, verbinden sich mit vielfältigem, oft überraschendem extremen Mimik-Spiel. Da werden (teilweise wie auf japanischen Holzschnitten) unglaubliche Grimassen gezogen und Gesichtsausdrücke stoisch-starr eingefroren. Und das Kaleidoskop der menschlichen Empfindungen und Gefühlszustände, wie Schmerz, Angst, Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, Hoffnung und Freude beeindruckend tänzerisch und mimisch dargestellt.

"Zero" ist eine weitere erfolgreiche Zusammenarbeit (nach "Two", 2017) zwischen den beiden Tänzerinnen und dem Ensemble der Commedia Futura, mit Wolfgang A. Piontek (Idee, Inszenierung, Regie, Bühne) und Peter Piontek (Dramaturgie). Alle neun Aufführungen (Premiere war am 19.09.), die Komponist Benjamin Kövener eindrucksvoll musikalisch live begleitet, sind restlos ausverkauft (33 Plätze statt der sonst 80; jeder Gast hat seinen persönlichen Platz, mit Namen). In dieser komplex-tänzerisch-theatralischen Vorstellung geht es um Katastrophen, Bedrohungen und Krisen, die zugleich Ende und Anfang sein können, und auch um Leere und Neubeginn.

Zentraler Ausgangspunkt sind dabei die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki, 1945, die im kollektiven Gedächtnis der Japaner unverrückbar implementiert sind - aber auch andere Negativ-Ereignisse eines Lebens. Schon vor der großen, durch Mark-und-Bein gehenden (Klang-)"Explosion" (Explosion-Sound: Christoph Littmann) performt das Duo hochdynamisch in den verschiedenen Kreisen und Rundflächen auf dem Bühnenboden - und zu gelungenen Video-Projektionen (Volker Schreiner) und Lichteffekten (Jörg Finger).

Es beginnt symbiotisch. Die Tänzerinnen sind wie miteinander verwachsen, Stirn an Stirn, ganz eng aneinander geschmiegt, bewegen sie sich graziös-geheimnisvoll wie in Zeitlupe. Bis sich die äußere Welt verändert und sie auseinander gerissen werden und sie darauf reagieren müssen. Dann die "Katastrophe" ("Atombombenabwurf"-Szene), die alles komplett verändert. Eindrucksvoll werden tänzerisch der Schmerz, der Schock und der Versuch des Erfassens, was überhaupt passiert ist, dargestellt. Dann die Leere: Der Nullpunkt, "Zero", der (gnadenlos) eine neue Zeit einleitet. Eine Zeit, die Neu-Orientierung und Neubeginn erzwingt, denn das Leben muss weitergehen. Und hier erhält die Performance ihre ungeplante Aktualität - mit der derzeitigen Pandemie, die so viel verändert hat.

"Zero" steht hier auch im Sinne des japanischen "Ku" für die Idee des Nichts, mit der Möglichkeit daraus Neues zu entwickeln... All dies wird ebenfalls beeindruckend dargestellt: das Suchen, Sich-Annähern, Schutz-geben, Sich-voneinander-lösen, auch Schreie und Lachen gibt es. Einer der Höhepunkte, der besonders packt, die "Schamanin"-Szene, wobei Yoshioka als "Heilerin" mit Sträucher-Ästen und wilden wie zärtlichen schamanischen Ritualen versucht, ihre wie tot daliegende Partnerin wieder ins Leben zurückzuholen.

Wechselnd stellen die beiden auch Kleinstkinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen dar - wobei beide auch japanisch sprechen. Ein dargestellter Kreislauf des Lebens, der stets mit Unvorhersehbarem konfrontiert wird, in jeder Generation. Ästhetisch, skurril, verstörend, berührend, überraschend...

Hohe Bewegungs- und Darstellungskunst. Exzellente Körperbeherrschung. Faszinierend. Nach hochspannenden 70 Minuten mehrere Minuten kräftiger Applaus mit Jubel, Bravos und Fußtrappeln. Übrigens: Die besondere Nähe der beiden Tänzerinnen, und damit diese Performance, ist nur möglich, weil beide Künstlerinnen in einem Haushalt leben.

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 18.09.2020
Die Stunde null
von Bert Strebe

"Wir wissen nicht, wohin wir fallen"; Am Sonnabend , 19.September, wird das Tanzstück "Zero" in der Eisfabrik uraufgeführt. Es ist eine Arbeit über Nähe und Distanz, Tod und Leben. 

Stirn an Stirn. Nase an Nase. Hand an Hand. Oberschenkel an Oberschenkel. Die beiden Frauen stehen so dicht beeinander in dem kleinen Lichtkreis des Spotscheinwerfer, dass sich ihr Atem mischt. Die Augen sind geschlossen. Könnte man die Distanz zwischen ihnen messen, der Wert würde bei null liegen. Dann tut sich etwas. Eine Ferse hebt sich. Eine Hand wird angewinkelt. Eine Schulter wird eine Winzigkeit gedreht. Die Körper der Frauen lösen sich Stück für Stück voneinader und im Raum breitet sich nach und nach eine Spannung aus, die nicht mehr und nicht weniger als die Grundambivalenz menschlichen Leben erzählt: Wir streben nach Nähe, aber sie beengt uns,, und wenn wir völlig frei sind, sind wir allein.
"Zero" heißt das Tanztheaterstück das unter der Regie von Wolfgang A. Piontek in der Commedia Futura im Schwarzen Saal der hannoverschen Eisfabrik geprobt wird. Am 19. September ist Premiere. Auf der Bühne: Yumiko Yoshioka und Minako Seki. Das hannoversche Tanzpublikum kennt beide von der atemberaubenden Arbeit "Two", die 2017 in der Eisfabrik zu sehen war. Damals wurde die Geschichte der beiden Frauen erzählt, die sich schon in den Achtzigern kannten, dann lange Zeit wenig Kontakt hatten, um schließlich wieder zusammenzuarbeiten. Beide wohnen in Berlin, beide waren daran beteiligt, dem japanischen Butoh-Tanz nach Deutschland zu bringen, der klassische Tanzkonventionen aufbricht und auch mit Formen von archaischem Ausdruckstanz bis hin zur Groteske arbeitet. Keine ihrer Bewegungen, sagt Yumiko Yoshioka in einer Probenpause, kämen aus vorab erdachten Choreografien. Sie entstehen aus Emotionen.
Die Anziehungskraft des Nichts
Minako Seki, 1963 in der Nähe von Nagasaki geboren, hat eine eigene Tanzkompanie gegründet und eine Tanzlernmethode entworfen, sie interessiert sich für Zwischenräume- das, was zwischen zwei Schritten geschieht, zwischen Körper und Geist, zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Yumiko Yoshioka, 1953 in Tokio zur Welt gekommen, unterrichtet ebenfalls und leitet Festivals. Sie interessiert sich für das Ganzsein des Menschen. Sie trägt T-Shirts, auf denen Dinge stehen wie "Respect yourself". Die Idee zu "Zero", dem Nullpunkt, dem Nichts als Beginn und/oder als Ende von etwas, wirkt wie eine aus der Corona-Pandemie und dem Lockdown heraus geborene Idee, aber dass war sie nicht, es gab sie schon vorher. Corona hätte nur die Proben verhindert- doch weil beide Tänzerinnen in einem Haushalt leben, ging es.
Yumiko Yoshioka war es, die auf den Gedanken kam, sich mit dem Ursprung, dem Unendlichen und seinen Geheimnissen zu befassen. Sie erwähnt zwei japanische Begriffe, das "nu", das so viel wie "Es ist nichts da" bedeutet, und das "ku", das für Leere steht, für das Wesenlose. Darin, sagt Yumiko Yoshioka, stecke eine strarke Anziehungskraft.
Leben, Tod, Feuer, Wasser
Für Minako Seki hat der Nullpunkt allerdings auch etwas Bedrohliches, sie müsse sich dort langsam hineintasten, erzählt sie " Wir gehen diesen Weg über den Zweifel", sagt Regisseur Piontek. Das ist ein Wagnis. "Sind wir lebendig oder tot?", fragt Yumiko. "Oder in einer Zwischenwelt!". Sie sagt: "Wenn wir fallen, wissen wir nicht, wohin wir fallen."
Aus der Nähe zu Beginn des Stücks entsteht Beengung, entsteht Beklemmung. Die Frauen befreien sich voneinander, trennen sich, dann ist es, als ob ein Sturm sie an die Wände weht. Finger werden zu Krallen, Schritte rutschen in die Zeitlupe. Bald beginnt es offenbar zu regnen, man sieht: Die Frauen fühlen Tropfen auf der Haut, fangen sie mit der Zunge auf. Zugleich scheinen sich da zwei Freundinnen oder Verwandte nach langer Zeit wiederzufinden, Freude in den Augen.In den Bewegungen. Aber wir haben es mit Japanerinnen zu tun, Hiroshima ist gerade 75 Jahre her, der Regen ist schwarz und giftig, die Körper scheinen leblos zu werden.
Dann wieder bewegen sich die beiden Tänzerinnen wie Raubkatzen und dann entsteht etwas wie Kinderspiel, bis Minako Seki auf dem Boden liegt und von Yumiko Yoshioka mit Kräuterbüschen bearbeitet wird, der Duft von Minze breitet sich im Saal aus. Die Szene wandelt sich, Minako Seki scheint zu gebären. Yumiko Yoshikoa hilft, und als sie das Baby hervorzieht, fällt sie auch gleich in die Rolle des Kindes, während Minako Seki zur alten Frau mutiert.
Leben, Tod, Feuer, Wasser, es sind die Gegensätze, die über Szenen, in denen Frauen ihre Haare öffnen und wie Schamaninnen wirken, am Ende wieder in den Mittelpunkt führen in den Lichtkreis des Spots, in dem die beiden abermals ganz nah beieinander stehen. Jetzt kann alles von vorn beginnen.
Regisseur Piontek, so scheint es, nimmt sich zurück bei dieser Inszenierung. Es gibt hier einen Hinweis, dort eine Anmerkung. Nach einer Probe der Stelle mit dem schwarzen Hiroshima-Regen sagt er: "Was macht das mit eurer Haut? Ich spüre das noch nicht." Als Yumiko Yoshioka einmal einfach hinter einem Vorhang hervorkommt, wünscht er sich den Auftritt weniger "theaterhaft". In einer Szene, in der die Bewegungen der Frauen an Martial Arts erinnern, schlägt er mehr Weiblichkeit vor, nicht so viel männliche Eckigkeit.
Mehr wäre wohl auch nicht nötig, die Frauen wissen, was sie tun. Das gilt übrigens auch für Benjamin Kövener aus Münster, der mit Schlagzeug, E-Gitarre und Computerloops einen mal fließenden, mal treibenden, mal bedrohlichen Sound schafft, der die beiden Tänzerinnen und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer zu umhüllen scheint. Auch Kövener improvisiert, lässt sich - auf einem Grundgerüst aus Akkorden und Rhythmen - bei seinem Spiel von dem leiten, was er sieht und empfindet. Und die Tänzerinnen wiederum reagieren auf die Musik.
Als Minako Seki und Yumiko Yoshioka einen Durchlauf des ganzen Stücks hinter sich gebracht haben, sieht man ihnen nicht nur die körperliche Belastung ihres Tanzens an. Sondern auch, wie anstrengend es ist, so viel Gefühl aus sich selbst herauszuholen und dem Publikum zu Füßen zu liegen.
Doch genau darum geht es ja. Und bei allen im Raum ist zu spüren, dass in ihren Seelen etwas in Bewegung gekommen ist.
 

 

 

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