„Versuchungen lauern nicht nur beim Verzehr einer Sahnetorte. Auch die eineinhalbstündige Kurzweil selbst ... gerät zur sinnenreichen Versuchung ... Das Ergebnis dieser ‚Versuchsanordnung' für fünf Personen ist ein gedankenreicher, auch wilder Bilderbogen.

Er beginnt mit der Geburt des Menschen aus der DNA von Orang-Urans, die mittesl eines Videos auf der Bühnenwand lebendig werden, und führt unter anderem mitten hinein in einen kruden Workshop, der seine Teilnehmer zu freizügigen Geständnissen animiert ... ein Stück, das nicht zu den zartesten Versuchungen gehört, seit es Theater gibt. Widerstehen sollte man ihm trotzdem nicht. Stattdessen hingehen." (HAZ)

Eine Versuchung ist „ein äußerst verlockender Reiz, der zu einer Handlung verleitet, die verboten, unmoralisch, irrsinnig, und/oder destruktiv", heißt wie es Onlinewörterbuch Wictionary. Unsere moderne Welt ist voller Versuchungen, nicht nur weil Verführung das Wesen der Werbung ausmacht. Es gibt die Versuchungen der Medien, des Alkohols und anderer Drogen, es gibt die Verlockungen der Macht – und den oft ohnmächtigen Versuch, in einer Welt, die einen immerfort verführen will, die eigene Spur zu halten, Ruhe zu finden.

Das ist die Situation, in der wir leben, und umschreibt den Raum, in dem der Choreograph Felix Landerer und Regisseur Wolfgang A. Piontek ihre Untersuchungen anstellen bzw. gegenseitig in Versuchung führen in einem Projekt, das auch die Möglichkeiten der Verbindung von Tanz und Theater noch einmal ausloten soll. Ein Versuch auch zu erproben, wie weit man sich auf den Arbeitsansatz des anderen einlassen kann.

Denn „Versuchungen" radikalisiert den Ansatz des Vorgängerprojekts „Traumatorium" von 2011. Choreograph und Regisseur arbeiten auf derselben Bühne, abwechselnd, mit demselben Ensemble. Sie setzen fort, was der jeweils andere angelegt hat, haben aber auch die Möglichkeit, Zusammenhänge wieder aufzulösen oder Entwicklungen in eine ganz andere Richtung zu führen. Ein offener Prozeß mit offenem Ausgang – ein Versuch, und eine Versuchung.

Im Magazin Tanz aktuell hat Arnd Wesemann das Stück besprochen: http://www.kultiversum.de/Tanz-Aktuell/Versuchungen.html

Gefördert von: Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover, Land Niedersachsen, Stiftung Niedersachsen, Stiftung Kulturregion Hannover, Stadtbezirksrat Südstadt-Bult


Premiere am 17. Nov 2012,
insgesamt 22 Aufführungen zwischen dem 17. Nov 2012 und 23. Feb 2013

Ensemble


Realisiert von: Armin Biermann, Wolfgang Denker, Paula Alonso Gómez, Melanie Huke, Henrik Kaalund, Felix Landerer, Christof Littmann, Leon Matting, Laetitia Mazzotti, Sabine Mech, Peter Piontek, Wolfgang A. Piontek, Aaron Raidel, Kristina Scheyhing, Volker Schreiner, Johanna Seyffert

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 19.11.2012
Versuchungsanordnungen
von Alexandra Glanz

Ein Bogen wilder Bilder: Die Commedia Futura tanzt und spielt in Hannover mit Versuchungen

Einmal genügt, und die Welt verändert sich. So ist es bei Eva geschehen, als sie der Schlange glauben wollte und den Ap­fel aß. So geschieht es bei Marty, Lucy, Koko, Charly und Bella, die bei der jüngsten (tanz)theatralischen Produkti­on der Commedia Futura und Landerer & Company der Parabel von Eva noch et­liche Beispiele von "Versuchungen" zu­zufügen wissen.
Beispielsweise überraschungsintensi­ve Szenen mit einer Schokosahnetorte. Was lässt sich nicht alles mit so einer fra­gilen Süßspeise anfangen? Man kann je­den Löffel wie Ambrosia mit himmli­schen Gefühlen und ganzem Körperein­satz genießen. Bevor es allerdings dazu kommt, trägt Koko, das ist die wunder­bare Tänzerin Paula Alonzo Gomez,die wackelige Angelegenheit erst einmal auf: mit exzentrischen Purzelbäumen gelingt ihr das akrobatische Kunst­stück. Doch Versuchungen lauern nicht nur beim Verzehr einer Sahnetorte.
Auch die eineinhalbstündige Kurzweil selbst, die am Sonnabend erstmals in der Eisfabrik zu sehen war, gerät zur sinnenreichen Versuchung. Denn Regisseur Wolfgang A. Piontek und Choreograf Felix Lande­rer inszenieren den Abend gemeinsam: Das bedeutet, sie führen fort oder lösen auf, was der eine mit dem gemeinsamen Ensemble zuvor entstehen ließ. Bei ihrer ersten gemeinsamen Produktion "Trau­matorium" (2001) hatten die beiden noch ihre einzeln erarbeiteten Passagen zu­sammengefügt. ,,Versuchungen" geht den entscheidenden Schritt weiter: Jetzt tanzen auch die Schauspieler, nach baro­ckem Cembalo und Rock 'n' Roll, und die Tänzer bekennen sich zu bestimmten Rollen.
Das Ergebnis dieser "Versuchsanord­nung" für fünf Personen ist ein gedan­kenreicher, auch wilder Bilderbogen. Er beginnt mit der Geburt des Menschen aus der DNA von Orang-Utans, die mit­tels eines Videos auf der Bühnenwand lebendig werden, und führt unter anderem mitten hinein in einen kruden Workshop, der seine Teilnehmer zu freizügigen Ge­ständnissen animiert. ,,Nichts ist keine Dressur", heißt es an einer Stelle wäh­rend dieser bewegungsreichen und phi­losophischen Collage. Kräftiger Beifall für ein Stück, das nicht zu den zartesten Versuchungen ge­hört, seit es Theater gibt. Widerstehen sollte man ihm trotzdem nicht. Stattdes­sen anschauen.

Stadtkind | 01.01.2013
STADTKIND hauskritik
von Anke Wittkopp

versuchungen, commedia futura und landerer & company

Seit 2007 choreografiert Felix Landerer regelmäßig abendfüllende Vorstellungen für die Commedia Futura im Theater in der Eisfabrik. Jetzt ist nach "Traumatorium" (2011) ein weiteres Projekt in Zusam­menarbeit mit dem Regisseur Wolfgang A. Piontek entstanden, das die Möglichkeiten von Tanz und Theater verbindet: Für "Versuchun­gen" haben der Choreograf und der Regisseur abwechselnd mit dem Ensemble aus Tänzern und Schauspielern gearbeitet und die eigenen Ideen mit den Ansätzen des anderen verstrickt. Daraus ist eine sym­biotische Tanz-Theater-Kollage hervorgegangen, die sich der Versu­chung auf vielfältigen Wegen mit ausdrucksstarken Bildern nähert.
Zu Beginn wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine meterlange Vi­deoleinwand gelenkt, die oberhalb der Bühne angebracht ist. Auf ihr ist der spannungsgeladene Kampf King Kong versus T. Rex zu sehen, aus dem der König der Affen als Sieger hervorgeht. Der kommt anschließend als niedli­ches, zotteliges Exemplar auf die Bühne, zuckt die Achseln und trollt sich wieder. Auch in der folgende Szene ist der nahe Verwandte des Menschen involviert, dieses Mal allerdings weniger haarig; Armin Biermann mimt mit showmasterlicher Begeisterung den Affendompteur, der trotz dünnem Nervenkostüm nicht der Versuchung erliegt, die widerspenstigen Tiere kur­zerhand umzulegen. Er schafft es, seine in Abendgarderobe gehüllten Schützlinge auf Stühlen zu platzieren, wo sie in einer Endlosschleife ein­studierte menschliche Alltagsgebärden ausführen.
Die Versuchung, die Steifheit abzuschütteln und sich frei zu bewegen, ist vor allem bei Paula Alonso Gomez groß, doch ihre grazilen Ausbrüche werden immer wieder von der Gruppe eingeschränkt und pikiert kaschiert. Als die spanische Tän­zerin dann unter zahlreichen tänzerischen Umwegen ein Stück Sahnetorte zu einem Servierwagen transportiert, wird die antrainierte Fassung der menschlichen Affen stark auf die Probe gestellt. lmmer hektischer werden die Bewegungen und münden in ein höfisches Herumtanzen um das Ob­jekt der Begierde, nach dem sich die Gesellschaft wunderbar schrecklich verzehrt. Ganz Mensch diszipliniert man sich mit einem zuvorkommenden Lächeln im Gesicht gegenseitig, der sahnigen Versuchung nicht nachzuge­ben, bis Henrik Kaalund sich auf den Servierwagen schwingt und den bes­ser Erzogenen in fröhlichen Pirouetten entkommt.
Szenenwechsel in die höchste Stufe der menschlichen Entwicklung, den Selbstfindungsworkshop. Hier stellen die Teilnehmer unter der Leitung der beherrscht-einfühlsamen Kristina Scheyhing ihre Persönlichkeit anhand von Tanzsequenzen dar und öffnen sich so der Gruppe. Es wird deutlich, dass sich so manch innere Zerrissenheit mittels Körpersprache besser aus­drücken lässt als mit sprachlichen Erklärungen. Und auch in der Szene, in der alle Schauspieler/Tänzer zur munter umhertollenden Affenbande wer­den, ist Sprache als Kommunikationsform überflüssig, die Ambitionen und Gefühlslagen der Tiere werden allein durch Körperhaltung und Gesten mehr als deutlich. Affenstark performt von den zwei männlichen Tänzern, die regelrecht zu dominanten Silberrücken mutieren! Viele menschliche Konventionen erscheinen plötzlich unnötig kompliziert, anerzogener Ver­zicht seltsam albern. Die Frage steht im Raum, ob man nicht auch als Mensch der einen oder anderen harmlosen Versuchung ruhig mal nachge­ben darf - und den dressierten Affen in sich mal ein wenig von der Leine lässt.  

tanz – zeitschrift | 01.01.2013
Die Versuchungen der Commedia Futura
von Arnd Wesemann

Sie hockt auf einem Turnbock, die Tänzerin Paula Alonzo Gomez, und spielt den Affen. Sie macht den Mund auf. Die Schauspieler um sie herum feiern das als Sensation. Man kann einer Tänzerin das Sprechen begreiflich machen, wie einer Schimpansin - auch wenn der Affe nur darüber spricht, dass er zum Sprechen keine Lust hat.
Der Affe ist in Wolfgang A. Pionteks und Felix Landerers gemeinsamer Inszenierung ein großer Fund. Weil dieser Affe, angeleitet von einem Regisseur und einem Choreografen, in Wahrheit den Mund nur auf- und zuklappt, also schweigt, aber gemächlich die Glieder schwingt, gibt er tänzerisch schon mal einiges her. Und weil der Primate - selbst wenn man es genealogisch bezweifeln mag - für die Herkunft des Menschen steht, dient er wie Kafkas sprechender Affe in dessen berühmtem «Brief an eine Akademie» als Spiegel der Gesellschaft. Und die will vor allem eins: in Versuchung geführt werden.
Der Zusammenschluss von zwei Tänzern und drei Schauspielern auf einer Bühne, der Eisfabrik in Hannover, dient dem Versuch, diverse Versuchungen darzustellen, denn eine Versuchung ist die Stilvorlage für jeden Schauspieler. Wie widersteht man einer Versuchung, einem Kuchen? Der Schauspieler vernascht ihn mit den Blicken. Der Tänzer isst ihn auf. Tänzer und Affen müssen sich nicht beherrschen, weil sie bereits ihren Körper beherrschen. Das in etwa ist die Moral einer Geschicht', die der Versuchung erliegt, Tänzer und Schauspieler gemeinsam auf die Bühne zu stellen. Was der Affe aber wirklich mit «Versuchungen» zu tun hat, bleibt in 90 Minuten etwas unklar.
Was einleuchtet: Der Affe ist genau der Körper, den beide - ­Schauspieler und Tänzer - nur nachäffen können. Dazu benötigen sie anfangs noch ein King-Kong-Video und einen King-Kong-Dress. In einer großartigen Schlussrunde aber brauchen sie nichts mehr als die Unterwäsche, um an die selbige zu gehen. Als Affenhorde dürften sie alles, was Menschen nie tun dürften: einander öffentlich begatten, rücksichtslose Alpha-Männchen spielen, die Political Correctness zerstören. Bei Affen gilt halt noch die List des Stärkeren, nicht des Schwächeren, um ans Ziel des Begehrens zu gelangen. Und dieses Ziel ist nicht ein Kuchen, der in Versuchung führt, keine Erdbeere, keine Hoffnung auf ein Zwitterdasein, kein Flamenco. In diesem Workshop, in dieser «Versuchungsgemeinschaft auf Zeit» geht es allein um die süßeste Versuchung des Menschen, um die reine Bestialität seiner Biologie. Um seinen Trieb. Die Pointe kommt spät, aber die Pointe ist gut. Die Zeit bis dahin war lang, das Warten hat sich gelohnt.

Neue Presse | 23.11.2012
Die Versuchungen von Tanz und Theater
von Jana Meyer

Ein fettes Stück Schokoladenku­chen. gekrönt mit Sahnehaube. Eine Köstlich­keit, eine Verführung, von der großartigen Tän­zerin Paula Alonzo Gomez mit vollem Körper­einsatz einschließlich Purzelbaum aufgetischt.
Das sind "Versuchungen" - und um die gehts in der neuen Produktion von Landerer & Com­pany und Commedia Futura. Doch Versuchun­gen können auch Bedrohungen sein: denen man widerstehen muss - so richtet Marty (Armin Biermann) den Lauf einer Pistole auf das Objekt der Begierde.
Wie das Vorgängerprojekt "Traumatorium" wurde "Versuchungen" von Choreograf Felix Landerer und Regisseur Wolfgang A. Piontek gemeinsam erarbeitet; wobei sich diesmal die fünf Akteure mischen, Schauspieler auch tan­zen, Tänzer Rollen spielen. Das Stück lebt von Kontrasten, vom Spiel mit Licht und Schatten, das den verbotenen Reizen Nachdruck gibt.
Starke schauspielerische Leistungen verleihen der Inszenierung emotionale Tiefe. Andererseits sorgen humoristische Elemente für Leichtigkeit und lassen die Versuchung als etwas Positives erscheinen, das glücklich macht. So fährt Charly (Henrik Kaalund) zu munterem Schlagergesang auf dem Servierwagen über die Bühne. Genuss­voll verzehrt er den Kuchen, während die ande­ren ihn entsetzt und neidisch stoppen wollen. Durch das ganze Stück zieht sich der Ver­gleich zwischen Mensch und Affe, dem angeb­lich Zivilisierten und dem Animalischen. Immer wieder verfallen die Schauspieler ins Tierische, verlieren scheinbar ihre Kontrolle. Nicht nur da überrascht dieser bunte Bilderbogen.

Video

Plakat:
Versuchungen
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