Intensive Körperbilder, Tänze und Bewegungsfolgen von expressiver Dynamik, eine unspektakuläre, gerade in ihrer Schlichtheit überzeugende Gebärdensprache verdichten diese Adaption der über 3000 Jahre alten Mythologie zu einem sinnlichen Erlebnis. (HAZ)

Im 12. Jahrhundert fasste ein unbekannter Dichter die Mythen um König Gilgameschvon Uruk zum ersten schriftlich überlieferten Epos der Menschheit zusammen. Es erzählt von König Gilgamesch, von seiner Freundschaft mit dem Naturmenschen Enkidu und den Abenteuern der beiden. Gilgamesch ist der Typ des selbstherrlich-tyrannischen Herrschers, der nicht nur das Volk knechtet, sondern auch die Traditionen und alten Kulte mißachtet – bis die Götter seinem Treiben ein Ende setzen, indem sie den Tod Enkidus beschließen. Enkidus Tod bewirkt eine tiefgreifende Wandlung Gilgameschs. Voller Todesangst macht er sich auf die Suche nach dem verlorenen Freund.

Ein sagenhafter König, der vor mehr als 3000 Jahren im fernen Mesopotamien gelebt haben soll, als Vorlage für ein modernes Theaterstück? Fasziniert von der Plastizität einiger Episoden des ältesten schriftlich überlieferten Epos’ der Menschheit, spürt Commedia Futura darin die immer noch aktuelle Problematik auf. Der Gegensatz zwischen einer technisch geprägten Zivilisation (Uruk) und der Natur (Enkidus Welt) nimmt breiten Raum ein; es geht um die Naturbeherrschung und -zerstörung, um Macht, die auch als Macht der Medien gezeigt wird, und es geht um das, was bleibt: Gilgameschs Suche nach dem ewigen Leben, dargestellt als rastlose Suche des modernen Menschen nach einem Sinn und neuen Werten.

Es bleibt der ratlos Fragende, dem keine Antwort genügt. Der sagenhafte uralte König ist – wir ahnen es – unser aller könICH.

Commedia Futura inszeniert die Geschichte als ein Stück experimentelles Theater, das tänzerische Elemente, Sprache und Musik zu einer neuen Einheit verschmilzt. In zwei Hallen der EISFABRIK entfaltet ein ebenso buntes wie hintergründiges Spiel, entstehen faszinierende, mitunter groteske Bilder. Für das Projekt ist das Ensemble um internationale Künstler aus der Schweiz, Dänemark, Schweden und Estland erweitert worden, die ihre Ausbildung beim Teatret Cantabile 2 in Vordingborg/Dänemark erhalten haben. Auf der Bühne der EISFABRIK agieren SchauspielerInnen, TänzerInnen und MusikerInnen gemeinsam.

 

Gefördert vom Kulturamt der Stadt Hannover, dem Land Niedersachsen und dem Fonds Darstellende Künste e.V. Essen.


Premiere am 29. Jan 1993,
insgesamt 32 Aufführungen zwischen dem 29. Jan 1993 und 25. Apr 1993

Ensemble


Konzept: Rolf Heim, Peter Piontek, Wolfgang A. Piontek
Inszenierung: Rolf Heim
Regieassistenz: Holger Rogoll
Bühne: Wolfgang A. Piontek
Kostüme: Doris Wenzel
Musik: Axel Nitz, Gerd Jacob
Lichtdesign: Wolfgang Denker

Prinz | 01.03.1993
Gilgamesch – Der Könich der nicht sterben wollte
von Evelyn Beyer-Stüber

 Die Story:

 

Der KönICH, der nicht sterben wollte: so der Untertitel, so auch der rote Faden dieser Eigenproduktion. Tyrann Gilgamsch will Leben und Macht nicht abgeben, obwohl der ihm bestimmte Zeitpunkt gekommen ist. Erst als sein Freund Enkidu, von Gilgamsch korrumpiert, auf Beschluß der Götter stirbt, muß auch Gilgamsch dem Fährmann zum Totenreich ins Gesicht sehen: Diese Momente aus dem alten babylonischen Epos bilden für Commedia Futura die Ausgangsbasis für eine assoziative, bilderstarke Collage aus Sprache, Tanz, Musik und Aktion.

Die Stars:

 

Wolfgang Piontek als Technokrat Gilgamesch I, Marke „hart wie Kruppstahl“; Ralf Klaß als von Einsichten und Träumen schließlich überwältigter Gilgamesch II: Schon die Teilung der Titelrolle weist auf den Ensemblecharakter des Stücks hin. Commedia Futura engagierte internationale Kräfte vom dänischen Teatret Cantibile, die zeigen, was im freien Theater möglich ist. Sie spielen ausdrucksvoll und differenziert, tanzen, singen, greifen selbst zum Instrument, sind akrobatisch und in Kampftechniken fit. Hervorragend: Jaanus Inno als Naturmensch Enkidu ohne die naheliegenden Klischees, Monika Matting als Matriarchin Ninsun sowie als göttliche Ischtar Suzanne Jacobsen.

Regie & Botschaft:

 

Wie ein instrumentales Musikstück entfaltet sich die Collage aus Bildern und Klängen – ohne direkte Bedeutung. Wer das Programmheft studiert, erkennt Stationen des Epos wieder. Oder auch den Kampf technoiden Größenwahns gegen archaisch gewachsene Strukturen: Gilgamesch hantiert mit Videoüberwachung, zwingt das Volk in gigantische (Leiter-)Turmbauten, sein Angriff auf das Nachbarvolk ist mit TV-Tönen aus dem Krieg der USA gegen Irak unterlegt. Doch vor allem der zweite Teil bietet auch ohne Interpretation sinnlich intensives Theater.

 

Der Autor:

Etwa zweitausend Jahre v. Chr. schufen die Babylonier ihre bedeutendstes literarische Werk über Gilgamesch, Herrscher von Uruk, der im 28./27.Jh. v. Chr. gelebt haben soll. Um 1200 v. Chr. schlugen die Schriftgelehrten von Ninive das Epos in 3.600 Keilschrift-Verszeilen auf elf Tafeln. Commedia Futura bearbeitet dem Mythos im Teamwork. Konzeption von Peter und Wolfgang A. Piontek sowie Regisseur Rolf Heim; wesentliche Elemente steuerten Gerd Jacob (off) und Axel Nitz (live) mit ihrer so abgefahrenen wie passende Musik bei.

 

Ausstattung/ Bühnenbild

Erster Teil in der Zentralhalle mit hohem Bühnenaufbau, von dem die Videos flimmern. Zweiter Teil im Schwarzen Saal, wo die Bambusrohre walddicht von der Decke hängen. Bühnenbilder mit eigener Ausstrahlung, ohne die Handlung zu erschlagen. Wie die Kostüme. Gute Lichtregie; nur der Eisnebel wabert zu oft.

Lohnt sich die Karte?

Ein bißchen Freude am Experiment muß man mitbringen. Aber trotz gelegentlichen Leerlaufs: überraschendste und überzeugendste Produktion der Commedia Futura bisher überhaupt.

 

Projekt | 30.04.2021
Das Experiment als Programm
von Simone David

Mit dem Experimentieren aufzuhören hieße, mit dem Leben aufzuhören. Mit diesem Wort von George Tabori könnte ein aufmerksamer Beobachter die Arbeit der freien hannoverschen Theatergruppe «Commedia Futura» beschreiben. Denn diese sich aus Künstlern der verschiedensten Sparten zusammensetzende Gruppe hat in der niedersächsischen Landeshauptstadt eine Plattform geschaffen, die sich in ganz besonderem Maße durch eine konsequente Orientierung am theatralischen Experiment auszeichnet. Seit mittlerweile zwölf Jahren entdecken und erproben die Darsteller immer wieder neu die Synthese von Tanz, Theater, Sprache und Gesang, wird auch der Einsatz technischer Mittel und Medien nicht gescheut, um dem einmal gegebenen Bekenntnis zum «zukunftsweisenden Experiment» gerecht zu werden. Schon lange kann von der ehemaligen «Performance-Truppe››, die mit «theatralischen Mitteln» arbeitet, keine Rede mehr sein, hat sich die «Commedia Futura» zu einer im hannoverschen Raum fest etablierten Theatergruppe entwickelt, die auch darüber hinaus immer mehr Beachtung findet.

Auch einen festen Spielort gibt es, und so kann das hannoversche Publikum in der Kühlhalle einer ehemaligen Eisfabrik Theatererlebnisse verfolgen, die alles andere als eisgekühlt sind. "Wir sind ein Auffangbecken für Individualisten, die bereit sind, sich grenzüberschreitend auf Experimente einzulassen, um sinnliche Botschaften ans Publikum geben zu können", so beschreibt Wolfgang A. Piontek, künstlerischer Leiter der Commedia Futura, die Struktur eines Ensembles, das in seiner Mitte sowohl Schauspieler als auch Tänzer, sowohl Sänger als auch Musiker, Techniker, Bühnen- und Kostümbildner versammelt. Diese Gruppe hat sich ideologisch und stilistisch nicht festgeschrieben, so dass alles, was Theater verträgt möglich werden kann. Commedia Futura, das steht für einen Dialog zwischen innen und außen, das steht für einen schöpferischen Prozess, der getragen wird von der starken Kommunikation unter den Darstellern. Diese wird in einem speziellen Wahrnehmungsund Körpertraining geprobt, so dass alle Stücke der Eisfabrik durch eine in ihrer Authentizität starke Körperlichkeit geprägt werden.

Der Körper als Formenverstärker, der Körper als inhaltliches Transportmittel: besonders eine Bearbeitung des "Gilgamesch-Epos" kann als Beispiel für diesen dramaturgischen Grundsatz herangezogen werden, intensive Körperbilder, Tänze und Bewegungsfolgen von expressiver Dynamik, eine unspektakuläre, gerade in ihrer Schlichtheit überzeugende Gebärdensprache verdichten diese Adaption der über 3000 Jahre alten Mythologie zu einem sinnlichen Erlebnis.

Ein beträchtlicher ldeenreichtum bei der Gestaltung von Maske, Bühnenbild und Requisite sowie eine ausgefeilte Lichtregie schaffen Bilder von wilder Schönheit und Kraft. lnstinktsicher werden die Wechsel von der Sprache zur Bewegung, von der Bewegung zum Gesang und vom Gesang zum Licht inszeniert, so dass eindringlich kontrastive Szenarien entstehen, in die sich der Zuschauer einfach eintauchen lassen muss. Gesellschaft, Macht und Unterdrückung: das Verhältnis des Einzelnen in der Gesellschaft: dies sind die Themen der Commedia Futura.

So beschäftigte sich auch die den Zuschauer tief in Gregors "Käferseele" führten und so das vermeintliche Ungeziefer als den eigentlichen Menschen zeigten. Expressive, drastische Körperskulpturen, Mut zur Hässlichkeit in Mimik und Stimme sowie ein karg-kaltes Bühnenbild vermittelten dagegen die ganze Schrecklichkeit eines Lebens, in dem, das wird schnell klar, jeder das Untier ist.

Alle ein bis zwei Jahre stoßen neue, meist internationale Darsteller zum festen Kern der Gruppe. So gibt es Kontakte nach Dänemark, Schweden, Estland und New York. Dort wird, über Verbindungen zu der amerikanischen Theatergruppe "Wooster-Group", im Frühjahr 95 ein Andy Warhol-Projekt zur Aufführung kommen, dessen Spielräume durch die ungewohnte Nutzung von Bewegung, Sprache und Musik, und erinnern stark an die ehemals gemeinsam mit der Commedia Futura entwickelten künstlerischen Prinzipien eines hochexperimentellen Bewegungstheaters.

Aus den Niederlanden kommt Swaantie de Vries, deren Sprech- und Bewegungsstück "Das Hohelied"  im September in der Eisfabrik Premiere hatte. Unter der Regie von R'douan Baroud entstand eine Komposition von Licht, Musik, Sprache, Gesang und Tanz, welche Bilder von grünem Gras und sanften Weiden vor dem Auge des Zuschauers aufkommen lässt. De Vries tanzt und spricht, fühlt, immer in Korrespondenz mit einem Sänger, diesen bildreichen, in ihrer leidenschaftlichen Sinnlichkeit nicht zu überbietenden Worten mit ihrem ganzen Körper nach, um sie in weiblich-vollen, wilden und zärtlichen letzte Produktion mit einer Gestalt, deren ausweglose Wirklichkeit sinnbildlich für eine kranke Gesellschaft steht.

"Die Verwandlung" von Franz Kafka, diese unglaubliche Geschichte eines jungen Mannes, der eines Morgens in Gestalt eines Käfers erwacht, wurde von dem Eisfabrik-Team auf seine spezifische Weise sinnfällig gemacht- mit der gewohnten Synthese aus optischen, akustischen, musikalischen, tänzerischen, spielerischen und sprachlichen Mitteln. Zart-tastende Bewegungen, leise, vorsichtige, fast gänzlich auf Arme und Beine beschränkte Passagen, zögernd-verloren und doch glücklich. Solcherart waren die Stimmungen der Bilder, insbesondere jedoch durch mediale Mittel geschaffen werden sollen.

Auch eine hannoversche Künstlerin muss man zum Umfeld der Eisfabrik zählen. Katinka Zechner, Gründungsmitglied der Commedia Futura, geht seit einiger Zeit eigene Wege und konnte bereits mehrere Tanztheaterproduktionen vorstellen, ihre Themen beschäftigen sich mit der Rolle der Frau und den verdrängten weiblichen Anteilen in der Gesellschaft, spannend dabei den Bogen von antiken Frauengestalten bis hin zur modernen Städterin. Vielfältigkeit in Spiel, Sprache, Gesang und Tanz, eine faszinierende Dynamik und exakter Szenenaufbau kennzeichnen Zechners Arbeiten.

Swaantje de Vries steht mit ihrer Arbeit nicht spezifisch für die Commedia-Arbeit. Gleichwohl ist "Das Hohelied" eine Produktion der Eisfabrik und muss betrachtet werden als ein weiteres Beispiel für den experimentellen Anspruch der Gruppe, die diesen auch und ganz besonders im Annehmen von Fremdeinflüssen verwirklicht sieht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 01.02.1993
Wo Affen philosophieren
von Heiko Postma

Über den Lautsprecher tönt die Stimme von George Bush und verkündet die Bombadierung des Irak. Soldaten mit Gasmasken stürzen vor und arbeiten sich, tötend, durchs Bambusgestänge. Ohrenbetäubender Lärm füllt den Raum - Detonationen. Schreie, verzerrte Anweisungen über Sprechfunk: Eine Episode aus dem Leben des gewaltigen Königs Gilgamesch, sein berühmter „Krieg im Zedernwald“, aufgeführt von der „Commedia Futura“ in der Eisfabrik, unter Anleitung der Herren Rolf Heim und Peter sowie Wolfgang A.Piontek.

Die Golfkriegs-Assoziationen in dieser Szene kommen nicht von ungefähr. Das Gilgamesch-Epos, über 3000 Jahre alt, doch noch wesentlich weiter in die Zeit zurückreichend, hat seinen Ort da, wo heute der Irak liegt. Die „Commedia Futura“-Leute haben in ihrer Spielversion den Mythos nur konkretisiert, in unsere Gegenwart geholt. Am archaischen Geschehen selbst mussten sie nicht viel ändern. Der Fortschritt der Menschheit drückt sich nur in Gestalt von optimierter Waffentechnik und elektronischen Kommunkations-, also Überwachungssystemen aus. Das ist in der Eisfabrik zu sehen.

Überhaupt ist zu sehen (zu hören, zu spüren - sinnlich zu erfahren), dass die alte sumerische Geschichte von Gilgamesch in Wahrheit eine neue ist; vielmehr eine, die nie aufgehört hat; eine, die sich in anderen Kostümen ständig neu abspielt. Auch in der Eisfabrik endet das Spiel wieder so, wie es begonnen hat. Und kann also wieder von vorn losgehen. Gilgamesch: Das ist der Machthaber in der Stadt Uruk, der vernünftige Diktator, der das Land gewaltsam zivilisiert, die Natur kanalisiert, die Menschen ihrer Umwelt entfremdet; der planende Umgestalter, der schließlich noch seine Sterblichkeit überwinden will, um auch die letzte Grenze des Menschenmöglichen zu beseitigen.

Das „Commedia Futura“-Ensemble hat in seiner Adaption des Stoffes erstaunliche, eindringlich kontrastive Bilder dafür gefunden (immer dann zumindest, wenn der Stoff „Bilder“, Szenarien, zulässt). Im ersten Teil des Abends wird die große Halle der Eisfabrik zur Stadt Uruk. Ganz oben ist die Kommandozentrale des Herrschers eingerichtet - ein karger Büro-Schreibtisch, doch unübersehbar ist die Monitorwand. Big Brother hat seine V-Augen überall. Auf der mittleren Ebene wieselt das graue Heer der Angestellten, permanent per Telefon ins Antwortlose kommunizierend, in einem nicht mehr dechiffrierbaren Sprachgemisch. (Die futuristischen Comödianten sind kluge Leute: Das historische Uruk lag in Babylonien, dem Land des Turmbaus.) Unten dann, in der Arena, agiert das Volk - wehrt feindliche Sturmangriffe ab, treibt alten Feuerzauber und Gaukelspiele, feiert musikalisch fulminant grundierte Hochzeiten nach gewohntem Ritus und im Namen der alten, noch ganz naturidentischen Göttin Ninsun (Monika Matting), der Gegenspielerin des Gilgamesch.

Und wenn das Umgestaltungsprogramm des Landschaftsplaners erst mal gegriffen hat, fangen die letzten echten Naturwesen, die Affen, zu philosophieren an: „Die Phantasielosigkeit der Menschen ist komisch.“ Die Phantasie der „Commedia Futura“-Leute ist damit aber kaum gemeint: Die ist beträchtlich; und ihr Spiel ist körperfroh, zuweilen fast artistisch, wenn auch nicht allemal durchschaubar; der Phantasie der Zuschauer wird gleichfalls einiges abverlangt. Der zweite Teil zeigt dann „andere Rasereien“, in „einer anderen Wildnis“, an einem anderen Ort - im schwarzen Theaterraum der Eisfabrik, auch mit einem anderen Gilgamesch: Vor der Pause spielt ihn Wolfgang A. Piontek, hinterher Ralf Klaß. Jetzt kommt auch der Wilde Enkidu (Jeanus Inno) ins Spiel, der anfangs so selbstvergessene Tänzer. Er wird domestiziert, zur Zivilisation verführt durch weichhäutigen Sex (Aza Thelandersson), in einen Anzug gesteckt, mit weißen Modellschuhen, Sonnenbrille und Reisepass versehen, durch hypertrophe Bürokratien gejagt, kurz, zum richtigen Menschen gemacht.

Sein Zweikampf mit Gilgamesch läuft ab als stattliches Rülpsduell mit anschließendem pantomimischen Wettrennen (der eine als Leichtathlet, der andere als Radfahrer). Dann kommt der Krieg im Zedernwald, dann Gilgameschs subaquarische Suche nach dem Kraut des ewigen Lebens, das er findet und wieder verliert. Doch das ist allenfalls zu erahnen, wie so manches an diesem Abend.

Die Produktion ist immer dann atemberaubend und suggestiv, wenn Situationen entwickelt und choreographisch ausgestaltet werden. Wenn es um Handlungsabfolgen des Epos geht, gleichen die Szenen bisweilen Bilderrätseln, für die man erst mal einen VHS-Kursus in sumerischer Epik belegen müsste. Und dann wird's auch leicht länglich. Doch diese Episoden sind in der Minderzahl.

Aufs Ganze gesehen liefert die „Commedia Futura“ Elementares.

Neue Presse | 01.02.1993
Akrobatisches Theater, bei dem es kopfüber die Treppe runtergeht
von Jüv

Tanz, Gesang, Akrobatik, Live-Musik - klassisches Sprechtheater wäre sicherlich eine missglückte Bezeichnung für die „Gilgamesch“-Premiere der Commedia Futura. Die Darsteller überstanden den Abend unverletzt. So selbstverständlich war das bei all den halsbrecherischen Aktionen keineswegs. Da ging's kopfüber die Treppe hinunter, umkippende Leitern wurden in letzter Sekunde aufgefangen, und selbst wenn jemand etwas an- oder auszog, geschah das selten ohne wenigstens einen Überschlag. Die Commedia ist seit jeher auf multimediale Ausdrucksformen ausgerichtet. Diesmal hat sie ein internationales Ensemble zusammengestellt, das zum Gutteil durch die Schule des dänischen „Teatret Cantabile 2" gegangen ist. Weil mit Musik alles besser geht, müssen sich die Akteure auch gesanglich und instrumental betätigen. Das klappt: Die Live-Klänge (Kompositionen: Axel Nitz) überzeugen fast durchweg , ebenso die von der Band (Gerd Jacob). Dann natürlich das Bühnenbild: Was nach einer Idee von Wolfgang A. Piontek (mit Rolf Heim und Peter Piontek auch zuständig für das Gesamtkonzept) Arno Kindermann und Joachim Richter aufgebaut haben, ist Extraklasse.

Die Zentralhalle zeigt eine urbane Szenerie mit zahlreichen Spielebenen, nach der Pause geht's im Schwarzen Saal zur Sache, der mit Bambusrohren wie ein Wald gestaltet ist. Dort wird zudem ausführlich mit Projektionen gearbeitet. Nebel, Rauch, Feuer fehlen ebenso wenig, und früher oder später mag man sich fragen, wo über alledem die Story abgeblieben ist. Das sumerisch akkadische Gilgamesch-Epos aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend ist ohnehin eine fragmentarische Sache, und lnterpretationshilfen bietet die Commedia kaum.

Offenbar wurde nicht einmal jedem Besucher die Aufsplittung („lst Gilgamesch nun der Glatzkopf oder der Dunkle?") der Titelfigur in zwei Darsteller transparent. Jedoch: Diese Inszenierung handelt in erster Linie von Archetypen - Macht, Zivilisation, Männlein und Weiblein. Es ist ein Angebot an die Besucher, zu den Bildern eigene Gedanken zu entwickeln, Legitimer Ansatz, gut umgesetzt, manchmal gar brillant. In der Eisfabrik sollte man dieser Linie treu bleiben, obwohl der zweite Teil des „Gilgamesch" ein paar Längen aufweist. Auch das tat dem stürmischen Applaus keinen Abbruch. Einzelkritik scheint bei derart kollektiv orientiertem Spiel (Regie: Rolf Heim) fehl am Platze. Sonderlob gleichwohl für Jaanus lnno, der aus dem Naturburschen Enkidu mehr machte als nur das Abziehbild des Edlen Wilden.

 

 

 

 

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Plakat:
Gilgamesch – Der Könich der nicht sterben wollte
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Über drei Jahrzehnte Commedia Futura

Bis heute

Insgesamt 2588 Aufführungen davon 93 Eigenproduktionen mit 1417 Aufführungen | 29 Koproduktionen mit 137 Aufführungen | 386 Gastspiele und Kulturveranstaltungen mit 1034 Aufführungen

Kontakt

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