... eindrucksvolle Montage, ein Versuch, ein Wegweiser ... (Flex)

In dem “Verwaiserprojekt“ werden die in der Theaterperformance “Kulterer“ gewonnenen Erfahrungen weiterentwickelt. “Der Verwaiser“, ein Prosafragment von Samuel Beckett wurde überarbeitet; das Original von Beckett zur Assoziationsgrundlage für die eigene künstlerische Übersetzung, die auch Traumwelten in das Stück einfließen lässt.

Charaktere werden durch Archetypen abgelöst, Bewegung bis zum Ritual überhöht und Sprache u.a. chorisch verwendet.

Das Stück zeigt, die Vereinsamung der Individuen in der Gesellschaft und ihren Verlust von gemeinsamen Symbolen und Ritualen. Da eine ständige Vermischung und Durchdringung von gleichwertigen Medien auf der Bühne entsteht, verzichtet Commedia auf eine kontinuierliche Erzählweise. Die literarische Vorlage von Beckett tritt in den Hintergrund und überlässt einer assoziativen Bildwelt den Spielraum.

 

Gefördert durch das Kulturamt Hannover, das Land Niedersachsen und die Stiftung Niedersachsen.

 

 


Premiere am 27. Okt 1989,
insgesamt 14 Aufführungen zwischen dem 27. Okt 1989 und 25. Feb 1990

Ensemble


Konzept: Michael Habelitz, Wolfgang A. Piontek
Inszenierung: Wolfgang A. Piontek, Michael Habelitz
Bühne: Christiane Wyrwa
Kostüme: Monika Matting
Musik: Hildgard Giegerich
Lichtdesign: Wolfgang Denker

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 15.12.1989
Ruckartig wie Zombies
von Ute-Brigitta Fromhagen

Die Commedia Futura versteht sich nicht als Theater-, sondern als Performance-Gruppe, und so ist die „zeitgenössische Antwort auf Dante“, wie Samuel Becketts Prosafragment „Verwaiser“ einmal genannt wurde, nun zur Assoziationsgrundlage für eine Performance geworden, zu sehen in der Eisfabrik.

Es ist ein Stoff, wie geschaffen für den Schwarzen Saal mit seinen hohen, düsteren Wänden, die gemarterten Gestalten, die „Sucher“ - bewegen sich nach einem komplizierten, rätselhaften Regelsystem. Oder sie stehen Schlange vor den wenigen Leitern, um nach oben zu den Nischen und Höhlen zu gelangen, die jedoch nirgendwo hinführen. Es ist "eine Bleibe, wo Körper immerzu suchen, jeder seinen Verwaiser".
Was ist ein "Verwaiser"? Ein Art Nichtgottvater, der seine Kinder als Waisen hervorbringt? Der französische Originaltitel "Le dépeurpleur" läßt sich auch mit "der Entvölkerer" übersetzen und an Auschwitz und Hiroshima denken. Andererseits gab Beckett der englischen Fassung den Titel "The Lost Ones" (Die Verlorenen). Die Commedia Futura schafft mit einer raffinierten Collage aus Ton, Licht, Sprache und Bewegung eine assoziative Bildwelt und läßt den verschiedenen Deutungen Spielraum.

Die Zuschauer blicken durch einen Gazevorhang hindurch auf eine runde, mit Leitern umstellte Spielfläche. Fünf Akteure, zwei Frauen (Heike Lindenberg, Monika Matting), drei Männer (Stefan ßochnig, Michael Habelitz, Wolfgang A. Piontek), agieren darauf: Archetypen der "Sucher". Ruckartig wie Zombies bewegen sie sich in einem weiß markierten doppelten Kreis, einem Höllenkreis - nach den Gesetzen einer unsichtbaren Mucht, die durch monotone, stampfende Maschinengeräusche den Takt angibt. Dann und wann: Momente der Erstarrung, Gesten einer nicht mehr existierenden Gemeinsamkeit. Die Kletterer treten mit
den Leitern zum autistischen Ballett an. Wenn die "Sucher" zu "Besiegten" werden ("auf die man treten kann), liegen sie wie tot am Boden. Während der gesamten Szenenfolge sind immer wieder Projektionen der "Carceri d'invenzione" zu sehen. Diese erfundenen Kerker des venezianischen Architekten und Stechers Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) haben, wie man wei?, mit ihren illusionären Räumen und den sich nach oben im Dunkel verlierenden Leitern Beckett inspiriert. Eingeblendet werden auch Dias von den Akteuren selbst, von oben aufgenommene Szenenfotos verkrampfter, in der Bewegung erstarrter, zusammengeworfener Körper.
Der Beckettsche Text wird nur passagenweise eingesetzt. Chor und Einzelpersonen tragen außerdem kurze Texte und Sätze vor, die aus anderen Prosastücken von Beckett oder von Bergson und Balzac zum Beispiel
stammen. Die mit Fingerspitzengefühl ausgesuchten Fremdtexte unterstreichen Becketts strenge Aussage über unsere Existenz: eine Existenz, in der alle Anstrengung bedeutungslos ist. Schade, daß Sprechtechnik und stimmliche Ausdruckskraft hinter dem sonst hohen Niveau dieser Aufführung zurückbleiben. Wenn das noch zu ändern wäre, könnte aus einem eindrucksvollen Performance-Abend ein großer
Performance-Abend werden.

Ute-Brisitta Fromhagen

 

ute-brigitta Fromhagen | 08.02.2022
Verwaiserprojekt

Eine Aufgabe wie der Mount Everest -  Das Verwaiser-Projekt der Commedia Futura in der Eisfabrik

"Wir gehen an diese Aufgabe, weil es sie gibt wie den Mount Everest. Wir werden daran scheitern, und das ist gut. Scheitern ... ist der Zustand des Lebens", sagte George Tabori, als er und seine Gruppe 1980 in München versuchten, Samuel Becketts schmales Prosafragment "Der Verwaiser" für die Bühne zu bearbeiten. Neun Jahre später hat sich die hannoversche Gruppe Commedia Futura an dieses Stück Prosa, das eine kühl sezierende Zustandsbeschreibung vom irdischen Höllenleben gibt, herangewagt. Commedia Futura versteht sich allerdings nicht als Theater-, sondern als Performancegruppe und so ist die "zeitgenössische Antwort auf Dante", wie der "Verwaiser" einmal genannt wurde, nun zur Assoziationsgrundlage für eine Performance geworden - zu sehen in der Eisfabrik.

Es ist ein Stoff, wie geschaffen für den Schwarzen Saal mit seinen hohen, düsteren Wänden. Beckett hat die "Verwaiser" Szenerie in seinem Prosafragment so geschildert: Ein großer, geschlossener Zylinder "aus Hartgummi oder ähnlichem", Höhe und Durchmesser 16 Meter, in dem etwa 200 Menschen zusammengepfercht sind. Die Temperatur in der schwach erleuchteten "Bleibe" wechselt sekundenschnell zwischen Hitze und Kälte und die gemarterten Gestalten - die "Sucher" - bewegen sich nach einem komplizierten, rätselhaften Regelsystem. Oder sie stehen Schlange vor den wenigen Leitern, um nach oben zu den Nischen und Höhlen zu gelangen, die jedoch nirgendwo hinführen. Es ist "eine Bleibe, wo Körper immerzu suchen, jeder seinen Verwaiser".
Was ist ein "Verwaiser"? Ein Art Nichtgottvater, der seine Kinder als Waisen hervorbringt? Der französische Originaltitel "Le dépeurpleur" läßt sich auch mit "der Entvölkerer" übersetzen und an Auschwitz und Hiroshima denken. Andererseits gab Beckett der englischen Fassung den Titel "The Lost Ones" (Die Verlorenen). Die Commedia Futura schafft mit einer raffinierten Collage aus Ton, Licht, Sprache und Bewegung eine assoziative Bildwelt und läßt den verschiedenen Deutungen Spielraum.

Die Zuschauer blicken durch einen Gazevorhang hindurch auf eine runde, mit Leitern umstellte Spielfläche. Fünf Akteure, zwei Frauen (Heike Lindenberg, Monika Matting), drei Männer (Stefan ßochnig, Michael Habelitz, Wolfgang A. Piontek), agieren darauf: Archetypen der "Sucher". Ruckartig wie Zombies bewegen sie sich in einem weiß markierten doppelten Kreis, einem Höllenkreis - nach den Gesetzen einer unsichtbaren Mucht, die durch monotone, stampfende Maschinengeräusche den Takt angibt. Dann und wann: Momente der Erstarrung, Gesten einer nicht mehr existierenden Gemeinsamkeit. Die Kletterer treten mit den Leitern zum autistischen Ballett an. Wenn die "Sucher" zu "Besiegten" werden ("auf die man treten kann), liegen sie wie tot am Boden. Während der gesamten Szenenfolge sind immer wieder Projektionen der "Carceri d'invenzione" zu sehen. Diese erfundenen Kerker des veneziani~chen Architekten und Stechers Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) haben, wie man wei?, mit ihren illusionären Räumen und den sich nach oben im Dunkel verlierenden Leitern Beckett inspiriert. Eingeblendet werden auch Dias von den Akteuren selbst, von oben aufgenomene Szenenfotos verkrampfter, in der Bewegung erstarrter, zusammengeworfener Körper.
Der Beckettsche Text wird nur passagenweise eingesetzt. Chor und Einzelpersonen tragen außerdem kurze Texte und Sätze vor, die aus anderen Prosastücken von Beckett oder von Bergson und Balzac zum Beispiel
stammen. Die mit Fingerspitzengefühl ausgesuchten Fremdtexte unterstreichen Becketts strenge Aussage über unsere Existenz: eine Existenz, in der alle Anstrengung bedeutungslos ist. Schade, daß Sprechtechnik und stimmliche Ausdruckskraft hinter dem sonst hohen Niveau dieser Aufführung zurückbleiben. Wenn das noch zu ändern wäre, könnte aus einem eindrucksvollen Performance-Abend ein großer Performance-Abend werden.

Ute-Brigitta Fromhagen

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 01.11.1989
Zum Tier geworden
von ksh

Das „Verwaiser“-Projekt der Commedia Futura nach einem Prosafragment Samuel Becketts ist eine Antwort auf allgemeine Ausweg- und Aussichtslosigkeit. Fragen gibt es nicht mehr, Antworten schon gar nicht. Nur die Angst, daß es noch lange so weiter geht und die Hoffnung auf ein unauffindbares Löchlein zum Entrinnen.

Für dieses Thema ist der schwarze Saal der Eisfabrik denkbar ideal. In diesem Raum, wo manchem schon beim bloßen Betreten der Atem stockt, ist es der Performance geglückt, den Menschen auf seinen erlebensdrang zu reduzieren. Ganz Instinkt, fast wieder Tier, suchen die Akteure das bisschen Licht, von dem sie nicht wissen, ob es existiert.

Hautnahes Erleben eines unerträglichen Aspektes dieser menschlichen Existenz.

 

 

Plakat:
Verwaiserprojekt
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Bis heute

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