...so sind halt die Träume. Und manche sind an diesem Abend … richtig schön. Besonders wenn die Gruppe … mit Videobildern … ihr Spielchen treibt... (HAZ)

Da sitzen sie, die Nachtschwärmer, ein Paar, ein einzelner Mann. Isoliert und wenig schwärmerisch zeigt Edward Hopper die Menschen in seinen wohl berühmtesten Gemälde, “Nighthawks“, von 1942. Vereinzelt und einsam sind auch die Gestalten seiner anderen Bilder, Frauen zumeist, unterwegs oft, gezeichnet von einem stillen Wahn im Gewöhnlichen oder wie in Erwartung von etwas Schrecklichem.

Hoppers Bilder thematisieren die Grenze von Zivilisation und Natur und zeigen die Nähe von Alltäglichkeit und Alptraum, darin amerikanischen Autoren wie Carson McCullers oder Patricia Highsmith verwandt. Das Theaterprojekt “Nighthawks“ geht von den Bildernaus, nimmt sie als Anfangs- oder Endpunktvon Geschichten, die in einem freien, von Improvisationen bestimmten Arbeitsprozess entwickelt werden, mit Video-Projektionen als Übergangsmedium zwischen Bild und Szene, und das ganz konkret: Figuren aus Bildern Hoppers werden animiert und nehmen vonder Leinwand herab – als Videoprojektionen – Kontakt mit dem Geschehen auf der Bühne auf.

Das dominierende Ausdrucksmittel dieser Produktion ist die Bewegung. In minimalistischen Tanzsequenzen, die entfernt an Pina Bausch oder Christoph Marthaler erinnern, entfaltet sich die Bilderwelt dieses Stückes, dessen Gegenstand nicht zuletzt die Person des Malers selbst ist – gesehen mit den Augen seiner Frau, der Malerin Josephine Nivison Hopper.


Premiere am 15. Dez 2001,
insgesamt 24 Aufführungen zwischen dem 15. Dez 2001 und 02. Mär 2002

Ensemble


Konzept: Gruppe
Inszenierung: Wolfgang A. Piontek
Regieassistenz: Mark Seebürger
Dramaturgie: Peter Piontek
Bühne: Carsten Schmidt
Kostüme: Andrea Kuhls
Musik: Christof Littmann
Videos: Volker Schreiner
Lichtdesign: Wolfgang Denker

Spielzeit | 18.12.2001
Sie küssten und sie schlugen sich
von mak

Die Frau mit rosa Hut und grünem Mantel löffelt in ihrer Tasse. Ganz allein sitzt sie in einer Bar, schaut mit traurigem Blick ins Leere. Der Filın an der hinteren Bühnenwand erinnert an ein Bild des amerikanischen Malers Edward Hopper. Währenddessen rückt eirıe Frau auf der Bühne sorgsam Stühle zurecht und singt „Der Mond ist aufgegangen“. Die Frau sieht aus wie die Einsame in dem Film - auch mit rosa Hut und grünem Mantel. Plötzlich beginnt die Frau aus dem Film zu sprechen: „Der zweite Stuhl muss weiter nach links“, sagt sie mit eindringlicher Stimme. „Weiter nach línksl“

Für seine neue Produktion von Commedia Futura verknüpft deren Chef und Regisseur Wolfgang Piontek Video-Projektionen und Szenen. Nighthaws heißt das Stück nach Edward Hoppers berühmtestem Bild („Mitternachtsvögel“), auf dem einsame Menschen gedankenverloren in einer Bar in New York sitzen. Vereinzelt und einsam sind auch die anderen Gestalten von Hoppers Bildern, Frauen zumeist, oft unterwegs, gezeichnet von einem stillen Wahn im Gewöhnlichen oder wie in Erwartung von etwas Schrecklichem.

Piontek nimmt mit seinen fünf Schauspielern die Stimmung und die Szenen der Bilder des amerikanischen Realisten auf und verwendet sie als Anfangs- oder Endpunkt von Geschichten. Mit Sprache, Gesang und Bewegung bringt er die Bilder zum fließen, verändert sie, steigert sie ins Dramatische. „Die Stille der Bilder fordert geradezu heraus, Geschichten zu erzählen“, sagt Piontek. Die Zuschauer von Nighthawks erwarten harte Schnitte zwischen den einzelnen Szenen, „wie immer, wenn ich inszeniere“, berichtet Piontek während der Proben zur Premiere am 15. Dezember. Damit setzt er sich bewusst vom etablierten Theaterbetrieb ab.

"Mein Ziel ist es, auch im Medienzeitalter die Erzählweise auf der Bühne spannend zu halten“, sagt der Regisseur. Die Inszenierung blickt auch hinter die Kulisse des Malers Hoppers. Gedankenverloren: Nachtschwärmer und ihre Geschichten. Der im Jahr 1882 Geborene Künstler war für seine Zeit ein Riese, mit einer Körpergröße von 1,95 Metern. Er heiratete spät, seine Frau Josephine war nur 1,52 Meter groß. So ganz gelingt es nicht, auf der Bühne der Eisfabrik in der hannoverschen Südstadt - wo Commedia Futura seit vielen Jahren zu Hause ist - den markanten Größenunterschied darzustellen. Aber die Dramatik der Beziehung wird trotzdem deutlich: Die beiden küssten und schlugen sich fast 40 Jahre lang. Hopper akzeptierte seine Josephine als Künsrlerin nicht, aber auch nicht im Alltag: Nie durfte sie zum Beispiel einparken. Wenn die Frau auf der Bühne fünf Stühle zurechtgerückt hat, marschieren über die Leinwand Männer und Frauen, auch Figuren aus Hoppers Bildern und kommen auf die Bühne. Dort gebären sie Figuren aus Bildern des Malers, wie aus „People in the Sun“, „Room in New York“ und natürlich Nighthawks. Eine Inszenierung nicht nur für Hopper-Experten, sondern ein flottes, fantasievolles und auch skurriles Werk.

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 22.12.2001
Alles Rakete oder was ?
von Ernst Corinth

Träume sind Schäume. Bisweilen ziemlich wirr. Und wer nach ihrem Sinn fragt, der hat hübsch was zu grübeln. Genau wie in „Nighthawks“, der neuen Inszenierung der hannoverschen Gruppe Commedia Futura, die anhand des Lebens und der Werke des wohl bekanntesten amerikanischen Realisten Edward Hopper theatralische Traumsequenzen erarbeitet hat. Entstanden sind Bilder und Szenen von unterschiedlicher Qualität, die mal banal wirken, dann jedoch durchaus zu beeindrucken wissen - oder einfach nur schön sind.

Als roter Faden dient dabei die Beziehung Hoppers zu seiner Frau Josephine. Eine offensichtlich hochkomplizierte Angelegenheit, die Züge eines sogar gewalttätig geführten Geschlechterkampfes angenommen haben soll. Das Resümee, das Josephine am Ende des Stücks zieht, klingt jedenfalls mehr als bitter. 30 Ehejahre, sagt sie, seien eine lange Zeit, „wenn man nie einen Krümel ergattert hat“. Und von diesen menschlich-tragischen und stillen Momenten, die von dem gesamten Ensemble stets äußerst glaubwürdig dargestellt wurden, hätte man sich gern mehr gewünscht. Doch solchen Wünschen verweigert sich die Comrnedia Futura, die auch Josephines bittere Worte nicht einfach so im Raum stehen lassen kann, sondern sie sofort durch eine furiose, gleichwohl arg bemüht schräge Schlussszene konterkariert. In ihr verabschiedet sich ein Flugkapitän von seinen Passagieren, weil das Flugzeug vermutlich abzustürzen droht. Und im Hintergrund flimrnern dazu Bilder eines Raketenstarts. Nun ja: Alles Rakete? Oder sitzen wir alle in dem gleichen sinkenden Boot?

Aber so sind halt Träume. Und manche sind an diesem zweistündigen Abend in der Eisfabrik richtig schön. Besonders wenn die fünfköpfige Gruppe um Regisseur Wolfgang A. Piontek mit Videobildern (von Volker Schreiner) ihr Spielchen treibt. Da werden dann Personen aus Hoppers Bildern auf der Bühne lebendig, die mit den Kunstfiguren auf der Leinwand reden oder streiten. Und wie sich die Kneipe aus dem populärsten Hopper-Werk „Nighthawks“ schlagartig leert, ist im guten, weil doppelten Sinne komisch. Was noch auffällt, ist der überaus gelungene Einsatz der Musik (Christof Líttmann), die die Szenen nicht nur begleitet, sondern oft auch das Thema für die jeweiligen Improvisationen stimmig vergibt. Und wie großartig Gregor Blumenthal „Hey Joe“ singt, lässt einen manche Schwächen dieser etwas zu verträumten Inszenierung gern übersehen.

Neue Presse | 22.12.2001
Singender Engel in Pilotenkluft
von Isabella Knorr

Theater um den Maler Edward Hopper: „Nighthawks" hatte in der Commedia Futura Premiere.
 
 
Im Hintergrund ein riesiges Gemälde Edward Hoppers, des berühmten amerikanischen Realisten: Eine schmale Frau in grünem Mantel sitzt einsam im Cafe, schaut traurigen Blicks an der Kaffeetasse vorbei. Vorne dieselbe Dame, Josephine, Edwards Ehefrau, die ebenfalls malte, aber neben ihrem Gatten kaum Beachtung fand. Sanft singt sie „Der Mond ist aufgegangen" - und plötzlich beginnt das Bild hinter ihr zu klingen, zu leben. Die Bildnisdame rührt im Kaffee, stößt klirrend den Löffel ans Porzellan, spricht zu ihrem Bühnenebenbild, steht auf, geht aus dem Gemälde hinaus, andere laufen hindurch - auch „Eddie“ mit breitem Hut. Solche verträumten Spielereien mit Hoppers Bildern aus New York oder seinem Sommerort Cape Cod sind die schönen Momente der neuen Inszenierung der Commedia Futura. „Nighthawks" (Nachteulen, Nachtschwärmer) nennt Regisseur Wolfgang A. Piontek das Traumspiel nach Hoppers 1942 gemaltem Werk.
Nachtgestalten begegnen einander ín der zweistündigen Szenenfolge: Eddie (Michael Gabel) und Jo, die einander quälen, begehren, erniedrigen, ein tanzender und ein singender Engel, getarnt in Kellnerkostüm oder Pilotenkluft (Rosario Avanzato und Gregor Blumenthal), eine sich schmerzlich erinnernde und eine noch hoffnungsvolle Josephine (Kristina Scheyhing und Barbara Messner).
Die fünf Figuren erzählen, meist mit kraftvoller Körpersprache in merkwürdig fremden Bildern vom Leben des Künstlerpaars, kaum in Worten - bloß mal von lauten, rhythmusraschen Liedern, mal von Gitarrenmusik oder Live Songs der Darsteller begleitet (Musik: Christof Littmann). Aber weil die Worte spärlich sind, lauscht man den wenigen umso intensiver: „Ich lechze danach, seine Brille zu zertrümmern, etwas, das seine Selbstzufriedenheit stören würde,wenn auch nur in physischer Hinsicht", sagt Josephine - dreißig Ehejahre führte sie einen Kampf mit ihrem Mann, half ihm dennoch oft über Schaffenskrisen hinweg, stand ihm Modell. Josephine zwingt Eddie, halb nackt auf dem harten Boden durch eine von ihr aus dem Wasserkrug geschüttete Wasserspur zu robben, ertränkt ihn beinah im Wasserstrahl. Später trocknet sie ihn mit weißen Frotteetüchern ab, zieht ihm neue Kleider an. Nicht immer versteht man die Bilder: Warum wälzt sich Hopper liebestoll mit dem Kellner Engel im kitschigen Rosenhaufen, warum tanzen alle zusammen einen kantigen Tango, warum startet am Ende des Stücks eine US-Rakete auf der Leinwand?
Ein wenig zu viele seltsame Traumsequenzen.
Plakat:
Nighthawks
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