„Stephan Fiedler spielt ulkig den zappeligen Dealer in der Zwickmühle, Kristina Scheyhing die Mutter der Toten, die wie innerlich gefroren von Polizeiverhör und kaputtem Familienleben erzählt.

... Und Christian-Joachim Goehrmann will als Inspektor die Brutalität der Welt bannen“ - eine „Inszenierung, die ... ganz von Sprache und Darstellung lebt.

Die in der Konzentration auf je eine Figur Emotion und Spannung hochtreibt“, wie die Neue Presse schrieb oder kurz: „Spannender Inhalt, packende Form“.

Ein kriminalistisches Problem hat die Form: „Ich kenne mich nicht aus“ - und ist insofern dem modernen Lebensgefühl verwandt. Inspektor Salti hat „drei rote Flecke auf einem Lumberjack Größe 43, einen Jungen unter Schock, der wie ein Wasserfall redet, ohne etwas Brauchbares zu sagen, einen Baum, an dem ein Golf klebt, und einen Straßengraben mit einem nackten, toten Mädchen darin“, ein Magengeschwür und die Medien sowie den Polizeipräsidenten im Nacken; denn Elisa Orlando ist keine Unbekannte in der norditalienischen Kleinstadt, in der Salti arbeitet. Nur allzu gerne würde er die Tat unter die Rubrik „die Mafia und die Drogendealer“ bringen sich immer gegenseitig um ablegen. Tatsächlich könnte alles aber auch ganz anders gewesen sein.

Und tatsächlich war alles anderes. Der auch in Deutschland nicht mehr unbekannte 30jährige italienische Regisseur und Dramatiker Fausto Paravidino („Peanuts“), treibt in seinem neuesten Stück „Stilleben in einem Graben“ ein vertracktes Spiel mit der Frage nach der Wahrheit bzw. Wirklichkeit. Seine Personen sind zeitgenössische Jedermannsfiguren: Die Mutter, der Boyfriend, der Dealer, der Cop...

Die Auflösung der Geschichte ist so banal wie gespenstisch und entzieht jedem Versuch, das Ungeheuerliche eines Mordes durch Erklärungen erträglicher zu machen, den Boden. Commedia Futura bricht die monologische Anlage der Vorlage behutsam auf. Spielszenen, Erzählung und Kommentare der Beteiligten wechseln einander ab oder gehen ineinander über. Sequenzen aus Spielfilmen geben dem Geschehen eine zusätzliche Dimension.

Eine Kriminalgeschichte als Lehrstück über die Untergründe der Gesellschaft in der Provinz und die vertrackte Dialektik menschlicher Stärken und Schwächen.


Premiere am 28. Okt 2006,
insgesamt 19 Aufführungen zwischen dem 28. Okt 2006 und 02. Jun 2007

Ensemble


Inszenierung: Wolfgang A. Piontek
Regieassistenz: Julia Eifler, Lasse Marburg
Dramaturgie: Peter Piontek
Videos/Film: Volker Schreiner
Musik: Christof Littmann
Sounds: Dirk Bahl
Lichtdesign: Wolfgang Denker
Bühne: Wolfgang Heinrich, Magda Jarzabek
Kostüme: Maren Lepping

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 31.10.2006
Räuber und Gendarm
von Ernst Corinth

Ungewöhnlich leichte Kost präsentiert jetzt die hannoversche Commedia Futura in der Eisfabrik. Gezeigt wird unter Wolfgang A. Pionteks Regie „Stilleben in einem Graben“, ein waschechter Krimi des 30-jährigen italienischen Regisseurs und Drarnatikers Fausto Paravidino. Wie es sich gehört, fängt alles mit einer Leiche an. Mit einer jungen Frau, die Nachts unter komischsten Umständen tot in einem Straßengraben gefunden wird.

Inspektor Salti (Christian-Joachim Goehrmann), der unter Magengeschwüren leidet, nimmt genervt die Ermittlungen auf. Die Spur führt offenbar in die Drogenszene einer norditalienischen Kleinstadt. Aber am Ende, so viel sei verraten,ist alles mal wieder ganz anders. Bei den Ermittlungen Saltis lernt der Zuschauer die verschiedensten Personen kennen, erfährt ein wenig über ihre Geschichte, über ihre Probleme und ihr Leid. Die Mutter der Toten (Kristina Scheyhíng) berichtet von ihrer Ehe, die nach dieser Tragödie aus ihrer Sicht nun keinen Sinn mehr hat. Ihren Mann, den sie nach der Geburt der Tochter immer Papa genannt hat, liebt sie schon lange nicht mehr.

Die Figuren, die hier vorgeführt werden, besitzen zwar keine Tiefe und wirken eher wie Schablonen, haben aber durchaus Witz. Ja, manche sind sogar herrlich skurril gezeichnet, Man spürt, dass das ganze Ensemble großen Spaß an diesem turbulenten "Räuber-und-Gendarm -Spiel" hat. Auch von den Dialogen, die oft leicht parodistisch übertrieben wirken, wird man bestens unterhalten. Und es gibt ein paar originelle Regieeinfälle.

Kurzum: ein kurzweiliger Theaterabend, der leider eine nicht übersehbare Schwäche hat - es fehlt die Spannung. Das liegt jedoch am Aufbau des Stücks und vor allem an der Auflösung des Falles. Das Opfer und besonders der Täter bleiben nämlich viel zu sehr im Dunkeln, dieser ansonsten recht amüsanten Handlung. Den überraschend gemeinten Schluss nimmt man achselzuckend einfach nur zur Kenntnis. Dennoch gab es am Ende sehr viel Beifall.

Neue Presse | 30.10.2006
Commedia Futura spürt packend dem Theater nach
von Evelyn Beyer

Gute alte Krimi Zeit, als Polizisten noch rauchten und Bösewichte Anzüge und gelbe Hemden trugen: Ein Hauch von schwarzer Serie liegt über dem Theatersaal der Cornmedia Futura in der Eisfabrik, wo „Stilleben in einem Graben" umjubelte Premiere feierte. Das Monolog-Stück von Fausto Paravidino hat Regisseur Wolfgang Piontek in eine dichte Szenenfolge mit Filmsequenzen umgearbeitet.

Auf großer Leinwand folgt die Kamera dem Monolog einer Autofahrt, bis sie koksgeschwängert am Baum endet. Und das Polizeiteam ein Modellauto am Bonsai begutachtet. Das sind die witzig platzierten Spielzeuge einer Inszenierung, die sonst ganz von Sprache und Darstellung lebt. Die in der Konzentration auf je eine Figur Emotion und Spannung hochtreibt. Jeder hat von seiner Warte aus Recht.

Stephan Fiedler spielt ulkig den zappeligen Dealer in der Zwickmühle, Kristina Scheyhing die Mutter der Toten, die wie innerlich gefroren von Polizeiverhör und kaputtem Familienleben erzählt: Solange nannte sie ihren Mann „Papa“ - nun ist er wieder Mario. Und Christian-Joachim Goehrmann will als Inspektor die Brutalität der Welt bannen, indem er beweist, dass jedes Opfer seinen Mörder kennt. lm Stück erweist sich die Theorie als wahr - ein überraschender Dreh.

Spannender Inhalt, packende Form.

 

 

 

 

Stadtkind | 06.12.2006
Stillleben in einem Graben
von Nicola Bongart

Es ist normalerweise nicht die "Art", also das Theater von Commedia Futura, sich an einem fertig geschriebenen Stück Text abzuarbeiten. Mit der Vorlage "Stillleben in einem Graben“ des 30-jährigen Nord-ltalieners und Dramatikers Fausto Paravidino wagt sich Regisseur Wolfgang Piontek an das Genre eines semi-psychologischen Krimis heran - und liefert seinem Publikum einen soliden, unterhaltsamen und ideenreichen Theaterabend rund um die Frage 'Who-done-it". Nachhaltig ist dieses Erlebnis nicht. Es überrascht auch nicht durch eine eindeutige, möglicherweise verstörende Haltung oder Interpretation des durchaus prosaischen, dadurch theatral widerspenstigen Texts. Fraglich, ob dies die relativ konventionelle Vorlage überhaupt hergegeben hätte, statt dessen wird elegant, heißt mit einem guten Gespür für die Dosierungen des Medialen (Sound und Video) und routiniert, heißt mit dem richtigen Gefühl für Timing und dramaturgische Wechsel und Auflockerungen eine professionelle Stilübung im Genre Theaterkrimi abgeliefert. Zurückhaltend dienend, angenehm unambitioniert.

Eine kurze Inhaltsangabe:

ln einem Dorf in der Provinz Norditaliens wird früh am Morgen am Rande einer Nationalstraße das 22-jährige Mädchen Elisa ermordet in einem Graben aufgefunden. Die Tätersuche findet aus der Sicht von sechs Figuren aus dem Umfeld der Toten statt. Ein lnspektor (gespielt im angespannten Modus des Schauspieltheaters und auf die skandierende Spitze getrieben von Christian-Joachim Goehrmann, die "Mother" der Toten (sensibel und klug distanziert Kristina Scheyhing), der Boy/Junge, der das tote Mädchen entdeckt, das er flüchtig aus diversen Szeneclubs kennt, der Boyfriend der Toten und dessen Dealer (alle drei virtuos, komisch und so körper-intelligent wie souverän dargestellt von Stephan Fiedler) und schließlich eine jugendliche Prostituierte aus Osteuropa, die der Ermordeten kurz vor ihrem Tod begegnet ist (und die der lnszenierung der Commedia fehlt, ohne dass man sie vermisst).

Die sechs Figuren werden ausschließlich über ihre inneren Reflexionen zum Vorfall miteinander in Beziehung gebracht. Es entsteht ein raffiniertes Wechselspiel von Monologen und erinnernden Begegnungen. lm Stück haben diese Figuren englische Bezeichnungen. Bei der Commedia konnte man sich nicht so recht entscheiden und lässt die Mother im Programm zu einer leicht freakigen deutschen Mutter werden (Kostüme Maren Lepping, durchweg dem Genre angemessen, also mit Klischees spielend). Der Dealer und der Boyfriend bleiben englisch, dazu kommen ein Arzt und zwei Polizisten, die uns das Derrick-Personal geben (lustig hölzerne Polizisten-Statisten Gregor Blumenthal und Lasse Marburg).

Ein Hauch von (deutscher?) Haltung oder nur lndifferenz? Der Tatort wird durch einen netten ästhetischen Kniff zu einem Stillleben im Miniaturforrnat, ein Modell in der Mitte der Bühne, in der Mitte des Polizeipräsidiums, in der Mitte des Diskurses. Dies wurde vorab von einer Kamera abgefilmt und wirkt hin und wieder auf die Leinwand im Hintergrund gebeamt wie ein Abbild der "Realität". Das es diese natürlich nicht gibt, ist schließlich eine der Botschaften. Und so wirken ja auch die neonologischen Stellungnahmen, lnterpretationen, Erklärungsversuche der einzelnen (An)Teilnehmenden am Schicksals von Elisa jedes Mal schlüssig, nachvollziehbar, in der Wirklichkeit verankert. Bis neue Perspektiven alte ersetzen oder relativieren.

Sehr schön auch die Szene, in der die Polizei in die Wohnung des Boyfriend eindringt und dies ebenfalls mit einem Modell der Wohnung "nachgestellt", sichtbar gemacht wird (Bühne Wolfgang Heinrich und Magda Jarzabek). Und sehr nett für die Neffen, dass der große Ernst, der vor allem durch den kaum ironisierbaren Schmerz der Mutter (und durch die traurige Softjazz-Musik in den “Mutter-Szenen") natürlich im Raum schwebt nicht überhand nimmt, sondern immer wieder durch komische, verspielte Momente durchbrochen wird. Der sozial-politische Anspruch, der Paravidino nachgesagt wird, tritt in diesem Stück von 2001 eher hinter der Milieustudie zurück.

Die Musik von Christof Littmann haut im übrigen wie die Axt im Stillleben die immer gleichen Schneisen zwischen die Sequenzen. Ein eigenartiger Loose-Ethno-Sound katapultiert die Zuschauer wieder und wieder an den Ort zurück, an dem die Tote scheinbar zuletzt lebend gesehen wurde, nämlich in einer Disco. So könnte man es zumindest interpretieren. Man fühlt: Das Opfer ist erst wirklich tot, wenn keiner mehr forscht. ln diesem Sinne bekommt auch der lnspektor eine fast zärtliche, sorgende Note. Zugleich mischt die Musik aus Warte von Drehbuch und Supervision laut und wirsch alle Karten von Mal zu Mal wieder neu. Das wirkt manchmal stimulierend, meistens aber nervtötend, zumal die Art und Weise, wie die Musik oft einfach ausgeblendet wird doch sehr lieblos wirkt und allzu funktional eingesetzt wird.

"Stillleben in einem Graben" ist kein einfaches Stück für die Bühne. Die monologische Struktur bedroht das Publikum mit Langeweile und Konzentrationsstörungen. Das muss viel zuhören. Besonders in den Rede-Passagen des lnspektors hätte diese Inszenierung auf Text verzichten können, zumal es letztlich doch weniger um das Kombinieren als, eben, die Milieustudie geht.

Die Auflösung am Ende ist das Einzige, was man wirklich in seiner Schrecklichkeit begreifen sollte. Die einzelnen Schlussfolgerungen und Pläne des lnspektors sind mitunter redundant. Viel schöner ist es dann, ihn einmal mit weniger Druck auf der Stimme im Krankenhaus zu sehen, sein Magengeschwür bei der täglichen Fernsehdosis pflegend. Zum Glück gibt es in dieser lnszenierung immer wieder diese gelungenen Passagen, in denen man einfach nur zurückgelehnt guten Schauspielern bei der Arbeit zusehen kann.

Man geht aus dem Stück wie aus einem Film, den man nur deshalb gesehen hat, weil man Lust hatte, ins Kino zu gehen. Auch ein guter Grund, um ins Theater zu gehen.

 

 

 

 

Plakat:
Stillleben in einem Graben
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