Von und mit Simone Deriu (Konzept, Choreographie, Tanz)
Koproduziert von COMMEDIA FUTURA

regula (lat.): Regel, Muster, Modell Regeln legen implizite oder explizite Verhaltensweisen fest, die in der Arbeitswelt, der Gesellschaft, aber auch Religion oder Ethik gelten.Überall dort, wo Menschen zusammenleben und miteinander kooperieren müssen, gibt es soziale Regeln, die von der Mehrheit akzeptiert und befolgt werden.

Regeln, Regeln, Regeln... Gebote, Verbote, wohin wir gucken, ist alles reglementiert. Nun gut, ohne Regeln geht es nicht bei über 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Aber mit all den Regeln geht es auch nicht, jedenfalls nicht immer gut. Der Tänzer und Choreograph Simone Deriu erkundet in seinem Tanzsolo die Spielräume, die dem einzelnen in unserer schönen neuen Regelwelt bleiben.

Das zentrale Bild auf der Bühne wird ein normales Schlafzimmer sein – ein typischer Rückzugsort. Dieser Raum löst sich auf, verändert seine Proportionen, gerät ins Wanken... In die Choreografie werden Elemente des Parkours einfließen. „Parkour", die urbane Bewegungskunst, bedeutet wörtlich „Weg": Über alle Hindernisse hinweg erreichen die Sportler ihr Ziel - egal in welcher Umgebung sie sich befinden. Diese Bewegungsart ist akrobatisch und fließend gleichzeitig und kann eine spannende Verbindung mit dem zeitgenössischen Tanz eingehen.

Simone Deriu hat als Tänzer verschiedentlich sowohl mit COMMEDIA FUTURA wie auch mit Landerer&Company zusammen gearbeitet. Mit seiner eigenen Gruppe RIU DENSE SENSE, 2010 in Darmstadt gegründet, schuf er u.a. die Tanzstücke „Man in the Clouds„ und „Airplanes". Zuletzt war er an Felix Landerers erfolgreichem Tanzstück „Ross lost it" als Tänzer und Choreograph beteiligt. Deriu begann seine Tanzausbildung 2001 an der Privatschule „Estemporada" unter Livia Lepri in Sassari. Von 2002 bis 2004 war er an der Rotterdam Dance Accademy und hat an zahlreichen Workshops teilgenommen. Nach verschiedenen Produktionen in Holland und Italien gelangte Deriu 2007 an das Staatstheater Darmstadt, wo er drei Jahre als Solist tanzte.


insgesamt 11 Aufführungen zwischen dem 08. Mär 2014 und 21. Jun 2014

Ensemble


Von und mit Simone Deriu, Tatiana Marcini, Sabine Mech, Christof Littmann, Wolfgang Denker, Peter Piontek, Wolfgang A. Piontek und Leon Matting

Neue Presse | 18.03.2014
Die Methamorpose eines Bürohengstes
von Christian Seibt

Simone Deriu beeindruckt in der Eisfabrik mit der Perfomance "Regula"

Zikaden rasseln. Ein Mann, beinahe entblößt, windet sich und kriecht wie in Zeitlupe durch den abgedunkelten Raum. Urzeitlich-amphibisch wirken seine Bewegungen - als ob ein Wasserwesen an Land will. Mit körperlichen Verdrehungen streift er sich langsam seine am Boden liegende Kleidung über. Dann steht er aufrecht - im dunklen Anzug, mit legerem Oberhemd und in Socken: der Tänzer und Choreograf Simone Deriu, dessen Solo-Performance „Regula“ in der Zentralhalle der Eisfabrik zu sehen ist.

Metamorphose abgeschlossen! Schon den Auftakt verfolgen die Zuschauer gebannt. Sie tun es auch weiterhin, denn Derius Bewegungs- und Körpersprache fesselt. Scheinbare Leichtigkeit trifft auf akrobatische,elegant-fließende und kantige Bewegungsabläufe und Pirouetten, schnell tänzelnde Beine und filigrane Handbewegungen. Und immer wieder durchbricht Deriu die Abläufe, um in verschiedensten Positionen zu verharren oder zu erstarren.

Der Titel der 45-minütigen Koproduktion mit der Commedia Futura passt. „Regula“ heißt so viel wie Regel, Muster, Modell: Es geht um gesellschaftliche Regeln, Gesetze, Gebote, Verbote und die dazwischen liegenden Frei- und Spielräume. Der international arbeitende italienische Tanzkünstler lotet Grenzen aus und setzt Bezüge zur Arbeits- und privaten Welt. Dazwischen pendelt er permanent. Leere, weiße Schuber, die wie eine Wohnzimmer- oder Aktenschrankwand wirken und Rollwagen, die er mit stoischer Miene wie ein Aktenbote hin und her fährt, umgeben und beeinflussen ihn.

Dazu passt, dass er mit den Händen dialogisch Zwiesprache mit sich selbst hält - und die Hände wie Scheuklappen ans Gesicht setzt, als Schutz vor der Reiz- und Regelüberflutung in der Alltagswelt. Bis ihn scheinbare Stromstöße brutal durchzucken. Hochspannend, oft hält man den Atem an. Auch wenn er eine einzige, schnell gesprochene italienische Wortkaskade loslässt. Zu Herzen geht es, wenn er ratlos vor einem Wegweiser steht, dessen unbeschriftete Pfeilschilder in unterschiedlichste Richtungen zeigen. Auch Stille und Kontemplation lässt er zu. Damit harmoniert die sensibel eingespielte Musik (Christof Littmann): pulsierende Maschinensounds, kontemplative Klänge. elektronisch-synthetische Echosounds, dumpfe Beats, Geräusche.

Ein klasse Tanzstück mit zahlreichen Gänsehaut-Momenten, das viel Raum gibt für eigene Assoziationen. Und ein nachwirkendes Erlebnis. Begeisterter Applaus mit Bravos und Fußgetrappel.

 

 

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 10.03.2014
Gebot des Verbots
von Alexandra Glanz

„Regula": Simone Derius Tanzsolo in der Eisfabrik

Zirpende Laute von Zikaden und dämmríges Licht. Das ist zuerst zu hören und zu sehen. Dann ein Mann. Ob er nackt ist? Nein, er trägt einen Slip, und wie er so Versonnen auf ein stilisiertes Verkehrsschild blickt, das mehrere Richtungen vorgibt, ahnt der Zuschauer: Wär' schön, wenn das Leben einfacher wäre. Ist es aber nicht. Regeln beschränken, sie müssen beschränken bei sieben Milliarden Menschen. Sie können aber auch mächtig nerven.

Unser Mann wird den Zuschauern in der Eisfabrik aber gleich zeigen, wie sich ein scheinbar alltägliches Ritual verflüchtigen kann: Wie eine aus ihrem Kokon schlüpfende Zikade, macht er sich aus seiner traumwandlerischen Welt davon, indem er schlangengleich in Hosen, Hemd und Socken gleichsam hineingezogen wird. Es ist ein tänzerisches Bravour-und Lehrstück, wie kein Anzug den zu stören vermag, der die angemessene Haltung zu ihm einnirnmt.

„Regula“ nennt der Choreograf und Tänzer Simone Deriu sein 45-minütiges Solo über Regeln, die ge- und verbieten. Bei der Commedia Futura in der Eisfabrik, die die Studie koproduzierte, ist „Regula“ nun erstmals aufgeführt worden. Eine Studie ist das Stück nicht nur wegen des ambitionierten Anspruchs, mit dem der 1983 in Italien geborene Deriu für eine quasi Petitesse hochkomplexe Bewegungsvarianten entwickelt, sondern weil seine Choreografie tatsächlich einer bestimmten Bewegungsmethode entspringt: Parkour heißt sie und ist eine kreative Fortbewegungstechnik, die zuerst das militärische Training beeinflusste. Jedes Hindernis fordert Höchstleistung heraus. Muskuläre Kraft, akrobatisches Geschick, fließende Bewegungen, von allem mehr und noch kreativer. Aber immer so, dass der Zuschauer nicht merkt, wie subversiv jegliche Störung - sei es Mauer, Baugrube oder Kabelwald - überwunden wird.

Unser „Regula“-Mann gehört zu den Lernenden. Noch wehrt er sich gegen die einstürzenden Aktenordner, ein raffiniert verschachteltes Bühnenrequisit aus weißen Pappschubern. Doch Scheitern ist bekanntlich die erfolgreichste Methode, um als Gewinner zu enden.

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 14.06.2014
Tanzen? Tanzen!
von Michael Krowas

Einstürzende Atllasten: Simone Deriu in der Eisfabrik

Die Silhouette eines Menschen, nackt, regungslos. Grillen zirpen, die Bühne ist dunkel. Langweilig. Eröffnungen wie diese kommen beim modernen Tanztheater eindeutig zu oft vor. Simone Derius lnszenierung seines Stückes „Regula" jedoch wird schnell mitreißend. Der Tänzer und Choreograf der Conmmedia Futura zeigt in der hannoverschen Eisfabrik in einer knappen Stunde, was Tanztheater alles sein kann.

„Regula“ ist ein Einpersonenstück über die Vergänglichkeit. Nach der quälend langen Eíngangszene liegt der Tänzer am Boden, er atmet schwer. Während er sich aus seiner fötalen Stellung befreit, bekommt er akustische Unterstützung durch Streichinstrumente. Geige, Kontrabass, Cello sind mal dissonant, mal lyrisch. Elektronik kommt hinzu, die Ahnung eines Trommelwirbels, Deriu schleppt sich hinter eine Kiste aus weißer Pappe. Eine Skyline aus Ikea-Papier Sammelordnern, ein Papierwegweiser - mehr Bühnenbild gibt es nicht, braucht es nicht. Deriu's Bewegungen sind irrational, er verwendet Elemente, die aus der Sportart Parkour bekannt sind. Es gilt, jedes Hindernis zu überwinden. Der athletische Tänzer überzeichnet, er versinkt im Spiel mit seinem Körper, im Dialog mit seinen Händen. Plötzlich trägt er einen Anzug, den Prozess des Menschwerdens hat er im Zeitraffer hinter sich gebracht. Dann steht er als stumme Kreatur mit ausdrucksstarker Miene vor dem Publikum, er erzeugt Laute, Grunzen, Stöhnen - seine Stimmbänder sind eben erst entstanden. Es folgt ein italienischer Wortschwall, absurd schnell, es wird wieder dunkel. Das Ende ist absehbar: Nachdem die Skyline in sich zusammenfällt, liegt auch die Kreatur wieder am Boden, an ihrer Anfangsstelle. Wo kam sie her, wo geht sie hin?

Regula ist lateinisch und bedeutet Regeln. Simone Deriu lässt seine Figur streng nach Regeln handeln - und zeigt, dass man als Individuum immer die Möglichkeit hat, sie zu überwinden. Es gab viel Applaus für den italienischen Ausnahrnetänzer, der sich jetzt beruflich nach Göteborg orientiert. Ein Verlust für Hannover.

 

Plakat:
Regula
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