Wenn unsere Sinne fein genug wären, würden wir die unbewegt ruhenden Felsen als tanzendes Chaos erfahren. (Friedrich Nietzsche)

- english below -

Im Anfang war - der Wald. Und der Wald war alles und alles war Wald, ein ungeheures atmendes Wesen aus Bäumen, Pflanzen, Pilzen, bewohnt von Tieren, Menschen und Göttern, ein Stück reale Utopie.
COMMEDIA FUTURA erkundet den Super-Organismus Wald, vor allem aber die Organismen, die alles zusammenhalten und vernetzen, die den Wald nähren und für die Kommunikation unter den Bäumen sorgen, die Pilze, das Mycel, dessen Dimensionen und vielfältigen Funktionen gerade erst sichtbar werden.
Und wie wird daraus Tanz? Indem das Bühnengeschehen zu einer unaufhörlichen Bewegung wird, einem Atmen und Morphen, aus dem sich Bilder entwickeln, Charaktere entstehen und Geschichten aufscheinen. „Die Wiederauferstehung der Mythen oder Götter des Waldes im Mycel“, ist Wolfgang A. Pionteks Ansatz, die tänzerische Erschaffung des Mycels Ziel von Minako Sekis choreographischer Arbeit. Mit einem internationalen Ensemble eigens ausgewählter Tänzer*innen begeben sie sich auf diese Entdeckungsreise.

Am Donnerstag, 21. September um 18 Uhr lädt COMMEDIA FUTURA ein zur offenen Probe der Produktion MYCELIA 

Gefördert von: Kulturbüro der Landeshauptstdt Hannover,  Land Niedersachsen/Region Hannover, SHannoverStiftung, Stadtbezirksrat Südtstadt-Bult, koproduziert von der EISFABRIK Hannover

 

If our senses were fine enough, we would experience the motionless resting rocks as dancing chaos. (Friedrich Nietzsche)

In the beginning was - the forest. And the forest was everything and everything was forest, an immense breathing being of trees, plants, fungi, inhabited by animals, humans and gods, a piece of real utopia. COMMEDIA FUTURA explores the super-organism forest and above all the organisms that hold everything together and network it, that nourish the forest and ensure communication among the trees: The fungi, the mycelium, whose dimensions and manifold functions are only just becoming visible.

And how does this become dance? By turning the stage action into an incessant movement, a breathing and morphing from which images develop, characters emerge and stories. "The resurrection of myths or gods of the forest In the mycelium", is Minako Seki's and Wolfgang A. Piontek's approach. The material for Mycelia was created in intensive improvisations with the international ensemble of specially selected dancers.

Co-produced by EISFABRIK Hanover

Supported by: Kulturbüro der Landeshauptstdt Hannover, Land Niedersachsen/Region Hannover, SHannoverStiftung, Stadtbezirksrat Südtstadt-Bult

 

 

 


Premiere am 14. Okt 2023,
insgesamt 10 Aufführungen zwischen dem 21. Sep 2023 und 11. Nov 2023

Ensemble


Von Marjorie Ibaceta Chau, Pauline Eikens, Jörg Finger, Valeriia Hareha, Mo Heidrich, Beatrice Ieni, Kristina Matthias, Anastasiia Musilenko, Wolfgang A. Piontek, Luana Rossetti, Minako Seki und Edegar Starke

Spielzeit | 05.10.2023
ln Ruhe merken wir, wie viel sich bewegt
von Martin Murch

Gespräch mit Minako Seki und Wolfgang A. Piontek über ihre Tanztheaterproduktion Mycelia

 

Das Stück „Mycelia" hat den Wald zum Thema. Wie kamen Sie darauf?

 

Wolfgang A. Piontek: Es ist die dritte Produktion, die Minako Seki und ich gemeinsam entwickeln, und am Anfang stand ein Brainstorming, in dem wir herausfanden, womit wir uns beschäftigen wollten. Beim Thema Wald haben wir beide angedockt. Es fasziniert uns, die komplexen Zusammenhänge in diesem System zu erkunden, in dem wir nicht nur auf Tiere, Pflanzen und Pilze stoßen, sondern auch auf Gottheiten und Mythen.

 

Wie wird aus diesen ersten Ideen ein Stück?

 

Minako Seki: Wir haben aus 1.000 Bewerbungen zwölf Tänzerinnen zu einer Audition eingeladen. Mit fünf von ihnen hat Wolfgang improvisatorisch gearbeitet und Material auf Video aufgenommen, das die Basis für meine choreografische Arbeit war. Spannend ist, dass dabei verschiedene Traditionen aufeinanderstoßen - der contemporary dance auf der einen Seite, meine Wurzeln im Butoh-Tanz auf der anderen.

 

Im Wald sucht man doch eher Ruhe. Wie finden Sie dort Bewegung?

 

Piontek: Ganz einfach, wenn wir zur Ruhe kommen, merken wir doch erst, wie viel sich um uns herum bewegt. Ich habe kürzlich bei einer Rast im Wald zwei Rehkitze gesehen, eines in normalem Fell, das andere tiefschwarz, eine Besonderheit unserer Region, die auf einer Pigmentstörung beruht. Eine Begegnung, die wirklich mystische Kraft hat. Diese spirituelle Dimension interessiert uns bei unserer Spurensuche auch, im Wald lässt sich etwas ursprünglich Heiliges finden.

 

Wir hören zurzeit eher von den Schädigungen, die wir dem Wald zufügen. Ist das auch Thema?

 

Seki: Ja, aber indirekt, also ohne erhobenen Zeigefinger. Wir möchten Zuschauerinnen und Zuschauer einladen, den Wald auf eine ganz neue Art in ihr Bewusstsein zu holen. Körperlich, mit tiefen Emotionen als Bewegungsmotoren. Es geht doch darum, dass wir einen neuen Lifestyle praktizieren müssen, einen Lifestyle, in dem wir Natur und Kultur nicht trennen, sondern ganz selbstverständlich Zusammendenken. Wir können alle noch viel lernen.

 

Der Stücktitel bezieht sich auf den Pilz. Ist er der Star des Abends?

 

Piontek: Der Mycel ernährt und steuert den Wald. Er steht als Prinzip im Zentrum unserer Entwicklungsarbeit, die ein Prozess des Miteinanders ist, um gemeinsam beste Lösungen zu finden. Alles hängt mit allem zusammen!

 

 

 

Haz | 11.10.2023
Die Abguckerin: Minako Seki, 62, tanzt in der Eisfabrik
von Uwe Janssen

Hannover. Tanztraining in der Eisfabrik: Aus der Musikbox schallen die Backstreet Boys, das Ensemble wärmt sich für die Probe zum Stück „Mycelia“ auf, das am 14. Premiere hat. Die Stimmung ist locker auf der Probenbühne, es wird gelacht, mitgesungen und gealbert. Doch dann plötzlich fokussiert sich die Gruppe auf Minako Seki. Die japanische Tänzerin und Choreografin erklärt auf Englisch, was sie heute vor hat, oft fällt das Wort „Watch!“, dabei zeigt sie auf ihre Augen. Das ist hier nur eine Übung, für die 62-jährige Seki ist das bewusste Sehen gleichwohl der Schlüssel zu ihrer Karriere und damit zu ihrem Leben.

 

Ohne Tanz wäre sie nicht nach Berlin gekommen, wo sie seit den Achtzigerjahren lebt, und ohne diese Schule des Sehens wäre sie vermutlich nicht Berufstänzerin geworden. „Mein Meister hat damals gesagt: Ich bin kein Lehrer. Ich unterrichte nicht. Du guckst.“ Tanzunterricht Fehlanzeige. Seki musste gucken. Und kopieren. „Wie er sitzt, wie er steht, wie er raucht, wie er isst, wie er denkt.“

 

Sie kopierte. Und kapierte. „Ich merkte, dass ich durch das Sehen viel schneller und besser lernen konnte.“ Noch heute könne sie Menschen nach wenigen Augenblicken Beobachtung exakt nachahmen, egal, ob sie an Bushaltestellen warten oder auf dem Fahrrad sitzen. „Das geht sehr schnell inzwischen“, sagt sie lächelnd. Für das Fach Tanz eine ideale Voraussetzung, deshalb: „Watch!“

 

 

Der Körper ist ein Wassersack

 

Minako Seki lernte in Japan Anzu Furukawa kennen, eine Legende des Butoh-Tanzes. Sie schloss sich Furukawas Gruppe Dance Love Machine an, reiste zum Butoh-Festival nach Berlin - und blieb. 40 Jahre später tanzt und guckt sie immer noch. Ihre Fitness ist schnell erklärt: Seki ernährt sich makrobiotisch und hält sich an viele Regeln japanischer Heilkunde. „Ich muss nicht mehr am höchsten springen“, sagt sie, „es gibt andere Möglichkeiten, sich zu bewegen.“ Der menschliche Körper ist für sie ein „Wassersack“, der durch die kleinste Bewegung in komplette Schwingung versetzt werden kann.

 

Passt zum neuen von Seki und Wolfgang A. Piontek entworfenen Stück „Mycelia“. Das Myzel, also das komplexe Wurzelwerk der Pilze, steht hier für den Lebenszyklus, in der Commedia Futura als unaufhörliche Bewegung vertanzt.

 

 

 

 

Haz | 16.10.2023
Von Pilzen und Göttern: Die Premiere von „Mycelia“ in der Eisfabrik
von Nele Cumart

Hannover. In „Mycelia“, dem neuen Stück der Commedia Futura in der Eisfabrik, nehmen Tücher mit bunten Mustern, Formen und Ornamenten eine komplette Wand der Bühne ein: Schwarzlicht lässt die Farben aufleuchten. Dazu läuft eine treibende Musik mit wummerndem Bass. Die Szene erinnert an ein Festival. Doch vor dem Wandteppich steht keine feiernde Menschenmasse, sondern da bewegen sich vier Tänzerinnen und ein Tänzer.

 

Sie treten unter anderem als Solisten auf und zeigen verschiedene Charaktere des Waldes. Besonders plakativ ist das Solo eines Wolfes, der auf allen vieren seine Runden über die Bühne dreht. Eher abstrakt ist es, wenn die vier Frauen mit ihren langen Haaren im Gesicht über den Bühnenboden kriechen und rollen. Immer wieder findet sich die Gruppe jedoch als Einheit zusammen, um dem Herzschlag der Musik zu folgen.

 

 

Ein tiefes Gefühl

 

„Es ist die dritte Produktion, die Minako Seki und ich gemeinsam entwickeln. Beim Thema Wald haben wir beide angedockt“, sagt Wolfgang Piontek, der das Stück mit der Japanerin Seki choreografiert hat. Ihn und Seki hätten die komplexen Zusammenhänge in einem Wald fasziniert, der als großer Organismus funktioniert. Die Idee darüber, wie die Wesen und Pflanzen des Waldes miteinander verbunden seien, sei darum Kern ihres Stücks. Sie nennen es „Mycelia“, nach den Myzelien der Pilze.

 

Mycelia' ist für mich ein kompliziertes Netzwerk miteinander verbundener Charaktere, die ein tiefes Gefühl der emotionalen Verbindung verkörpern, sagt Tänzerin Luana Rossetti. Doch das Stück befasst sich nicht nur mit der irdischen Seite des Waldes, sondern auch mit der griechischen und germanischen Mythologie: Gottheiten wie Artemis (Jagd), Wotan (der nordische Göttervater) und Aletheia (Wahrheit) tauchen auf.

 

Die vielschichtige Umsetzung des Themas ist den Choreografen gelungen: Musik, Bewegung und Bühnenbild sind perfekt aufeinander abgestimmt und ergeben ein harmonisches Stück. Die 60-minütige Darbietung schafft es, die Zuschauenden ab dem ersten Solo in ihren Bann zu ziehen.

 

 

 

TAZ | 13.10.2023
Man darf nicht versuchen, das zu verstehen
von Jens Fischer

Pilze, Bäume, Götter und Mythen: Das Tanzstück ,,MyceIia" der Gruppe Commedia Futura erkundet in Hannover den Wald als Super-Organismus

 

taz: Herr Piontek, wie übersetzt man das unterirdische

Fädenflechtwerk der Pilze in ein Tanzstück?

 

Wolfgang A. Piontek: Unterschiedlichste Menschen, ideen Inspirationen haben sich für die Produktion wie ein Mycel zusammengefunden, verkörpern eine tiefe emotionale Verbindung und lernen dabei, sich als eine im Raum vernetzte Gemeinschaft auszudrücken. Wir haben uns vom Ort der Quadratkilometer großen Pilzmycele anregen lassen, dem mythischen Wald. Dort wohnen Dämonen, Geister, alte Gottheiten. Und die werden in unserer Choreografie auferstehen und tanzen, immer wieder ins Mycel zurücksinken und neue Bilder produzieren. Diese Mikrogemeinschaft hat eine Intelligenz und entwickelt sich. Man darf nicht der Versuchung erliegen, das verstehen zu wollen.

 

Was ist konkret auf der Bühne zu erleben?

 

Wir versuchen, dass die Zuschauer:innen in eine Wald-aufgeladene Atmosphäre kommen und die fünf Tänzer:innen verschiedene Wesenheiten tanzen, beispielsweise Wotan, Artemis und die Große Mutter. Wir illustrieren das nicht, das ist der Subtext unserer Figuren, den die Tänzer:innen in sich hineingegessen haben, um zu gucken, was für Energien und Emotionen das in ihnen erweckt.

 

Selbsterfahrungstanz?

 

Das ist als Ritual choreografiert und lebt von der Wiederholung, um hypnotische Zustände herzustellen. Die dann nicht Contemporary-Dance-Momente sind, sondern viel tiefer in etwas Meditatives gehen.

 

Für die Performenden?

 

Ja. Wenn sie es gut machen, geht es auch ins Publikum, wenn sie es schlecht machen, haben wir verloren.

 

Sie entwickeln also mit den heutigen Mitteln des Tanzes einen mythischen Ritus wie in der Antike?

 

Genau.

 

Es schwingt da die naturromantische Hoffnung auf ein höheres Miteinander mit. Sie verstehen den Wald als reale Utopie?

 

Er könnte uns lehren, wie wir Menschen zusammen- und nicht gegeneinander existieren könnten. Mycel und Bäume leben ja in Symbiosen, unterstützen sich gegenseitig. Geradezu die kommunistische Utopie einer Gesellschaft, die auf Miteinander beruht. Das offenbart Wege, die wir gerade erfühlen und erahnen. Gegen die digitalisierte Welt, in der wir die Secondhand-Realität alle fünf Sekunden wegwischen, könnte der Wald eine beruhigende, meditative, heilende Wirkung haben. Eine Utopie von Rettung.

 

Das ist gerade ein populäres Thema. Die Vermenschlichung des Waldes als Großfamilie, Solidargemeinschaft. Stichwort „grüner Sozialismus“ - mit den Mycelen als Handels- und Kommunikationszentren. Aber Wissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass das nur ein neuer Mythos ist, kein Forschungsergebnis beweise das, der Wald sei und bleibe ein komplexes, von Konkurrenzkampf beherrschtes Ökosystem ohne gemeinsames Ziel. Spielt diese Kritik bei Ihnen eine Rolle?

 

Wissenschaft hinkt der Realität immer hinterher, sie ist ja gezwungen, alles zu beweisen, muss immer alles berechnen, das hat sich abgenutzt. Es gibt ja inzwischen positive spirituelle Wahrheiten, die wissenschaftlich nicht bewiesen werden können, aber trotzdem existieren. Ich vertraue der Wissenschaft nicht, weil sie uns nicht zurück in den emotionalen Körper führt, wie unser Stück es versucht, sondern in eine Denke, die uns vom Empfindsamen wegführt.

 

 

 


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