Es können jeweils nur 48 Zuschauer die Aufführung besuchen, reservieren Sie bitte rechtzeitig!

 

Für viele ist er schlicht Kult, für uns war er eine Entdeckung, wie ein neuer Kontinent, der noch zu erkunden ist: Alejandro Jodorowsky,

Mime, Filme- und Theatermacher, Autor und Begründer der Psychomagie. Filme wie “El Topo” und “Montana Sacre” haben seinen Ruf begründet. Sein jüngster autobiographischer Film, “Endless Poetry”, eine Auseinandersetzung mit dem jähzornigen, zur Brutalität neigenden Vater, in dem Jodorowsky seinen eigenen Weg aus der Enge familiärer und gesellschaftlicher Vorgaben und Zwänge nachzeichnet, endet mit einer Apotheose der Versöhnung.

An diese Geschichte und an den Roman „Wo ein Vogel am Schönsten singt“ knüpft COMMEDIA FUTURA an, um sie zu erweitern und die zentrale Rolle der heilig-unheiligen Familie und ihre vielfältigen Darstellungen im Leben wie im Werk Jodorowskys in den Blick zu nehmen. Wir wollen uns inspirieren lassen von seiner eigenwilligen surrealen Erzählweise. Und wir wollen Sie mit hineinnehmen in diesen Kosmos, in dem künstlerisches Schaffen als Befreiung gelebt wird und laden Sie ein zu einer theatralen Achterbahnfahrt, surreal, grotesk, mit überraschenden Sprüngen, stilistischen Brüchen und schnellen Szenenwechseln – wie in Jodorowskys Filmen. Es ist auch deren Verwandschaft zu unseren ureigenen theatralen Arbeits- und Darstellungsweisen, die dieses Projekt so spannend machen.

Jodorowsky selbst hat in seinen Theater-Happenings die Grenze von Akteur und Zuschauer aufgehoben, um ein Theater der flüchtigen Aktion und des wahren Augenblicks zu kreieren. Auch wir möchten Sie, unser Publikum, teilhaben lassen am Bühnengeschehen, und das schon so früh wie möglich. Wir wollen ein Theater des unmittelbaren Erlebens, der Sinne und Emotionen schaffen. Wir laden Sie zu regelmäßig offene Proben an, in denen Sie sich ein Bild von unserer Arbeitsweise machen können.

Die offenen Proben werden ergänzt durch eine Retrospektive der wichtigsten Filme Alejandro Jodorowskys, zusammengestellt vom Kino Lodderbast und von Wiebke und Johannes Thomsen exklusiv in der Eisfabrik präsentiert.

 

 


Premiere am 26. Okt 2019,
insgesamt 13 Aufführungen zwischen dem 26. Okt 2019 und 30. Nov 2019

Ensemble


Von und mit:
Tabea Below, Wolfgang Denker, Oliver Dressel, Tobias Felice, Tomasz Fudala, Anke Hachfeld, Mo Heidrich, Pauline Knoblauch, Monika Matting, Sabine Mech, Benjamin Petersen, Peter Piontek, Wolfgang A. Piontek, Luzia Schelling, Volker Schreiner, Simòn Serra, Renzo Solorzano, Sina Thomas

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 29.10.2019
Die Welt ist ein Zirkus
von Jan Fischer

In der Eisfabrik begibt sich die Commedia Futura mit „Endless Poetry“ auf die Spuren von Alejando Jodorowsky
Festlich gekleidete Männer schleichen mit Plastiktorten durch das Foyer der Eisfabrik. Frauen in Dienstmädchenuniformen flüstern den Besuchern Rätselsätze wie „Ich bin ein Spiegel, der nur dich reflektiert” zu. Leichter Lounge-Jazz wabert darüber hinweg.
Schon bevor „Endless Poetry“ beginnt, wird eine surreale, eine leicht bedrohliche Atmosphäre gesetzt. Die Bilder sind dem gleichnamigen Film des nimbusbehafteten Regisseurs Alejandro Jodorowsky entnommen. Zwei seiner autobiografischen Werke werden an dem Abend adaptiert: der Roman „Wo ein Vogel am schönsten singt" sowie der Film „Endless Poetry". Vorher gibt es eine Einführung in die Gedankenwelt des chilenischen Regisseurs. Denn im Fahrwasser seiner mit albtraumartig verrätselten Bildern arbeitenden Filme entstanden auch eine Rekonstruktion der Karten des „Tarot de Marseille ", sowie therapeutische Ansätze, die der Regisseur „Psychomagie" nannte.
Die Zuschauer müssen erst einmal Gedichte aus Schnipseln von Jodorowskys lyrischem Werk mit Klebstiften auf einem weißen Blatt neu arrangieren, werden einzeln besungen oder bekommen eine Tarotkarte interpretiert. So vorbereitet geht das Publikum die Inszenierung von Wolfgang Piontek anschauen, die, wiederum in eigenartigen Bildern aus Jodorowskys Filmen verschlüsselt, versucht anhand der beiden autobiografischen Werke das Leben des Regisseurs nachzuerzählen.
Darsteller kommen aus einem Kühlschrank gekrochen, die Welt ist ein Zirkus, in dem Menschen Tiere sind, ein Gekreuzigter zerrt sich mit Kreuz über die Bühne, der Vater, oder: Zirkusdirektor, ist gewalttätig, Poesie ist Freiheit und manchmal fallen Sätze, die irgendwie treffend zu sein scheinen: „Das Nirvana sind leuchtende Exkremente einer Schildkröte, die Glühwürmchen verschluckt hat."
Reigen aus surrealen Bildern
Das Ensemble der Commedia Futura versucht sich mit „Endless Poetry" dem Gefühl anzunähern, das Jodorowskys Filme vermitteln: ein Reigen aus surrealen, brachial archaischen Bildern, immer kurz davor, möglicherweise etwas zu bedeuten, aber nie wirklich entschlüsselbar. Wie ein Blick auf Albträume eines Fremden: Man versteht, dass es Albträume sind, nur nicht, warum. Die Einlasssituation mit den geflüsterten Sätzen und den Plastiktorten hat durchaus etwas Jodorowskyhaftes, während der sehr kurzen Mini-Workshops fällt das stark ab. Die Inszenierung selbst verlässt sich auf Rätselbilder, die auch mit der Workshop-Vorbereitung kaum entschlüsselbar sind. Sie schafft es aber auch nicht, diese Bilder zu einer Albtraumwelt zu verstricken, deren Bildwelt man folgen möchte. Stück für Stück wirkt die Inszenierung so immer beliebiger, verliert sich in Bildern, bemüht sich dann wieder forciert um die Geschichte, kriegt nichts davon so richtig zusammen und vergisst dabei auch den großen Schockwert zu reproduzieren, den Jodorowskys Filme immer hatten und nach wie vor haben.
Rätsel und Enttäuschung
Der insgesamt dreistündige Abend mag etwas für Jodorowsky-Profis sein, die hier und da ein Lieblingsmotiv erkennen, er mag auch etwas für Menschen sein, die mit Sekundärliteratur bewaffnet die sicherlich sehr intensive Beschäftigung des Ensembles mit dem Regisseur nachvollziehen möchten. Für alle anderen reiht sich - nach dem Einlass - Enttäuschung an Rätsel an Beliebigkeit. Bis die Bühne die Wirklichkeit nicht transformiert hat, sondern dort nur eine große Leere gähnt.
 

Neue Presse | 05.11.2019
Der Seelenmarathon
von Christian Seibt

Commedia Futura zeigt  in der Eisfabrik "Endless Poetry"
 
Dieser Performance-Abend hat es in sich: „Endless Poetry oder die heilige Familie“ - die Commedia Futura hat sich für ihr multimediales Projekt von dem Chilenen Alejandro Jodorowsky und seinem surrealen Denken inspirieren lassen.
21 Akteure entwickelten das Konzept für mehrere Bühnen und diverse Räume innerhalb der Eisfabrík, um dem Multitalent gerecht zu werden: Jodorowsky ist Regisseur, Filme- und Theatermacher, Schauspieler, Produzent, Komponist, Dramatiker, Schriftsteller, Comicautor sowie Begründer der sogenannten „Psychomagie”.
Insbesondere Jodorowskys stark autobiografisch geprägten Werke, sein Roman „Wo ein Vogel am Schönsten singt“ (1992) und sein jüngster Film , „Endless Poetry/Poesia sin fin“ (2016)“, waren für Regisseur Wolfgang. A. Piontek lnspirationsquellen. Ruhig und surreal geht es los: Apathisch wirkendende Servicekräfte tragen große Plastiktorten herum. Eine Bäckerin und junge Kellnerinnen flüstern den Gästen geheimnisvolle Sätze ins Ohr („lch bin ein Spiegel, der nur noch dich reflektiert“). Dann wird das Publikum in vier Gruppen eingeteilt. Wobei jede in einen der vier Themen-Räume geführt wird. lm „Poetry“-Raum soll die Gruppe etwa aus vorbereiteten PapierschnipseI-Satzfragmenten Gedichte erstellen. Und im „Die Seele singt“-Raum sitzt Sängerin Anke Hachfeld. Wer möchte nimmt ihr gegenüber Platz und wird individuell von ihr besungen.
ln der folgenden in der Zentralhalle tauchen die Zuschauer tief ein in den Jodorowsky-Kosmos. Das Schauspiel ist reich an Szenenwechseln und stilistischen Brüchen, wie Jodorowskys Filme. Das Ganze zirkuliert um seine Auseinandersetzung mit dem jähzornigen Vater und die Abnabelung des Künstlers.
Surreale, sinnliche, groteske, auch verstörende Szenen sind das. Da hält man die Luft an. Horcht auf beim Familienschicksal (Tod des Erstgeborenen, des Bruders), oder wenn die Mutter, Gebete sprechend, monoton im Kreis läuft. Am Ende: Stille und Durchatmen nach diesem packenden Theater-Marathon.
Plakat:
ENDLESS POETRY
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