„Die neue Inszenierung von Commedia Futura ist sicherlich ein Wagnis. Den Kopf ausschalten, den Gefühlen freien Lauf lassen und das sich immer wieder einlassen in das szenische Spiel, ist eine Herausforderung. Diese Herausforderung hat das Publikum gern angenommen. Am Ende gibt es viel Applaus. Unbedingt ansehen!" (Gelbe Seiten)

Was ist das denn nun – ein Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel aus Kabale und Liebe oder ein Alptraum aus Händen und aus Fingern und aus leisen Stimmen im Wald? Ein „Tohuwabohu aus Tanz, Theater – und Wolldecken“ (HAZ) oder einfach ein ein mitunter böses, abgründiges ,grotesk-komisches Märchen für Erwachsene?

„Oberflächlich betrachtet, führt die Commedia Futura eine Nummernrevue auf mit Versatzstücken aus der Theater- und Populärkultur. Oft erschließt sich erst nach Minuten der Zusammenhang, denn der einzig rote Faden des 90minütigen Programms ist tatsächlich das Thema Erinnerung. Das macht die Teilhabe an der Aufführung zunächst schwer, auch weil das Ensemble die Formen mischt, tanzt, singt und spielt.“ Aber: „Die Szenen bleiben präsent, prägen sich ein. Regisseur Wolfgang Piontek schafft es, diese Mischung aus Popmusik und Literatur, aus Wut und Zärtlichkeit, aus Gelächter und Angst vor der Vergänglichkeit zu bewahren. Das liegt auch an den Darstellern.“ (Neue Presse)

„Fakt ist, dass das unter der Regie von Wolfgang A. Piontek entstandene Theaterstück ‚Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch’ polarisiert. Und zwar Publikum und Kritik gleichermaßen. Und das ist gut so, denn solcherlei Aufführungen bleiben hängen, verankern sich in der Erinnerung und in der Diskussion, und nicht selten öffnen sie dem Theater neue … Ebenen in Form und Ausdruck.“ (langeleine.de)


Premiere am 24. Nov 2007,
insgesamt 16 Aufführungen zwischen dem 24. Nov 2007 und 16. Feb 2008

Ensemble


Konzept: Gruppe
Regie: Wolfgang A. Piontek
Assistenz: Matthias Posth
Bühne: Magda Jarzabek, Wolfgang Heinrich
Kostüme: Sabine Mech
Musik: Gregor Blumenthal
Lichtdesign: Wolfgang Denker

Gerd Bösenberg | 30.11.-0001
Der Kuss
von Gerd Bösenberg

Was kann man mit dem Titel anfangen?

Eigentlich nichts. Selbst wenn man weiß, dass er ein Zitat von Samuel Beckett ist. Und Beckett ist absurdes Theater. Die Commedia Futura ist immer für das Verrückte, für das Hintergründige gut, für Assoziationen und Experimentelles. Dies hier ist ein Spiel mit Erinnerungen, die zunächst verschüttet sind, bis sie plötzlich aus dem Unterbewusstsein aufsteigen oder auch hervorgeholt werden. Beides passiert hier. Wolfgang A. Piontek, der Regisseur empfiehlt dem Publikum vor Beginn des Spektakels. „Erwarten Sie keine Geschichte. Schalten Sie den Kopf aus und den Bauch ein. Dann fiinktioniert es.“ und das tut es. Was sich auf der Bühne in den nächsten 90 Minuten ereignet sind kleine Erinnerungsreisen,    Märchenhaft,    real, zeitgeschichtlich, feinnervig, brutal. Sichtbar gemacht in einem Geflecht aus Tanz, Schauspiel, Musik und Gesang, Geräuschen, Licht und natürlichen Wörtern. Monologen und Dialogen. Vieles ist von der Commedia-Truppe selbst erarbeitet, manches ist Zitat mit Texten von Samuel Beckett, Herbert Achtembsch, Scott Frost z. B. Ich würde das alles eine Nummer-Revue nennen. Erinnerungen verändern sich. Eine große Rolle in den Szenen spielen viele, viele Wolldecken. Sehr schön im Design. Das ist trickreich gemacht. Mal hüllen die Spieler sich darin ein und sind dann „unsichtbar“. Mal versinken sie darin, verschwinden unter einem Haufen dieser Decken. Da ist dann etwas verborgen. Darin bewegt sich aber etwas und will raus, bis die Erinnerung sichtbar wird. Neben dem Deckentohuwabohu gibt es akrobatische tänzerische Szenen. Körpersprache kommt ins Spiel. Felix Landerer und Anja Spitzer drücken das gekonnt aus. Aggressiv manchmal oder sehr verinnerlicht. Spannung kommt ins Spiel, wenn das Ensemble die Formen mischt, tanzt, spielt, singt. Wenn farbiges Licht aufblitzt und es rockt. Da bleibt viel bei uns Zuschauern hängen. Dafür sorgen die Schauspieler und Tänzer, männliche wie weibliche: Kristina Scheyhing, Anja Spitzer, Christian-Joachim Gochrmann, Gregor Blumenthal, Felix Länderer, Peter und Wolfgang A. Piontek. Eine komödiantische Truppe. Der Titel des Stückes aber bleibt geheimnisvoll im Dunkeln. Ich hab weder einen Kuss gesehen noch gehört. Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch. Eine Produktion der Commedia Futura. Zu sehen in der Eisfabrik in der Seilerstrasse. Gehen sie mal hin.

Hannoversche Allgemeine Zeitung | 26.11.2007
Geschichte in Wolldecken - „Ein Kuss…“ Die Commedia Futura spielt mit Erinnerungen
von Kerstin Hengst

„Erwarten Sie keine Geschichte. Schalten Sie den Kopf aus und den Bauch ein. Dann funktioniert es“, weist Regisseur Wolfgang A. Piontek das Publikum zu Beginn der Premiere seines Stücks „Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch“ in der Eisfabrik an. Es funktioniert nicht gleich. Die ersten Szenen sind wenig erhellend: Piontek lässt mit dem fünfköpfigen Ensemble des Theaters Commedia Futura die Zuschauer buchstäblich im Dunkeln. Auf der Bühne irrlichtem die Darsteller schier unerträglich lange mit Taschenlampen umher. Sie sind eingehüllt in Wolldecken. Im Hintergmnd zirpen Grillen.

Allmählich wird es heller, aus dem Grillengezirpe wird Vogelgezwitscher, und die Schauspieler werfen ihre Wolldecken ab. Endlich kommt das Spiel in Gang. Es ist ein Spiel mit Erinnerungen. Piontek reiht Monologe und Wortwechsel aneinander, die sich mit Erinnerung befassen. Es sind Textauszüge unter anderem von Beckett und Achtembusch, die eingestreut sind in ein rasantes Tohuwabohu aus Tanz, Theater - und Wolldecken. Die Decken versinnbildlichen die Last, das Aufdecken und Verbergen von Erinnerungen. Mal hüllen sich die Akteure darin ein, versinken in ihnen, werden darin begraben oder werfen sie ab. Die Decken halten die Geschichte zusammen.

Das Spiel mit den Wolldecken ist ebenso trickreich wie der Einsatz tänzerischer Szenen. Felix Länderer und Anja Spitzer setzen das Thema Erinnerung in Körpersprache um. Wobei vor allem Länderer auch schauspielerische Qualitäten offenbart, wenn er als Trunkenbold in der Kneipe mit dem vernebelten Verstand ringt und zornig um sich boxt. Mit Kristina Scheyhing, Gregor Blumenthal und Peter Piontek als Schauspieler fügt sich „Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Ge- j räusch“ zu einem spannenden und gleich- j sam kurzweiligen Memory-Spiel zusam- ; men. Im Dunkeln bleibt am Ende nur noch, was es mit dem Titel auf sich hat.

Neue Presse | 26.11.2007
In der Eisfabrik werden Erinnerungen bewahrt
von UWE KREUZER

Der Pullover hat am Ende keine Erinnerungen mehr, jedenfalls keine an seine ursprüngliche Form. Das Ensembe der Commedia Futura bietet mit „Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch" viel Projektionsfläche für Erinnerungen. Der während der Aufführung arg strapazierte Pullover hat wenig davon, die Zuschauer in der Eisfabrik umso mehr.

Oberflächlich betrachtet, führt die Commedia Futura eine Nummernrevue auf mit Versatzstücken aus der Theater- und Populärkultur. Oft erschließt sich erst nach Minuten der Zusammenhang, denn der einzig rote Faden des 90-minütigen Programms ist tatsächlich das Thema Erinnerungen. Das macht die Teilhabe an der Aufführung zunächst schwer, auch weil das Ensemble die Formen mischt, tanzt, singt, spielt. Der Clou: Die Szenen bleiben präsent, prägen sich ein. Regisseur Wolfgang Piontek schafft es, diese Mischung aus Popmusik und Literatur, aus Wut und Zärtlichkeit, aus Gelächter und Angst vor der Vergänglichkeit zu bewahren.

Das liegt auch an den Darstellern, voran die wandelbare Kristina Scheyhing. Emotionaler Höhepunkt des Abends ist aber Christian-Joachim Goehrmanns Jekyll-und Hyde-Performance, unzweifelhaft inspiriert von Jim Carrey. Das Ensemble spielt Scharade und Memory mit dem Publikum - welche individuellen Erinnerungen das weckt, entpuppt sich später. Bemerkenswert.

Stadtkind | 26.11.2007
hauskritik #2 - Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch
von Nicola Bongard

Wenn es etwas zu erklären gibt, dann lautet der Wortlaut am Anfang meist: es geht um....“die Einsamkeit des Individuums in unserer globalisierten Welt“ oder um „Menschen, die nach dem Glück suchen, und es weder jetzt noch in ihrer Vergangenheit finden“, es geht um „Erinnerungen“ oder „Ängste“, um „Kommunikationsprobleme“ oder „die Alpträume des erwachsen gewordenen Teenagers, der aus dem Paradies geworfen wurde“, ln jedem Eall geht es um, das Gespenst der Suche des Zuschauers nach Bedeutungen, Handlungen und klassischen Eormen im (freien) Theater. Besonders wenn es kein Stück und keinen offensichtlichen Zusammenhang, keine nachvollziehbare dramatische Entwicklung und keine zu Ende erzählten Geschichten gibt. Man sehnt sich wieder nach der „Story“ und den gedrechselten Worten, nach Spannungsbögen und moralischen Aussagen, nach Sinn und Welterklärungsversuchen, nach (Auflösungen und Wahrheit(en). Wer das sucht, sollte sich nicht das neue Stück der „commedia futura“ ansehen, er wäre enttäuscht. Dabei ist es ein gutes Stück, beziehungsweise ein reiches Stückwerk. Also bleibt die Möglichkeit, sich vom Bauch in dieses Theater tragen zu lassen, was übrigens ausdrücklich von der Regie gewünscht wird. Die 51. Produktion der Kompanie mit dem Titel “Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch” kann für Kopflose ein in diesem und im guten Sinne unverbindlich spannendes Ereignis fürs Kurzzeitgedächtnis bereit halten. Das Stück aus Stücken verdankt seine intensiven komischen wie, insgesamt überwiegend sogar bedrückenden Momente, ausschließlich seinen interessanten Schauspielern. Die tanzen und agieren unangestrengt und zugleich virtuos körper-beherrscht -und üben mit ihren Körpern gestengewandt Herrschaft über ein meist wahllos ausgesuchtes Bühnenopfer aus. Dabei kommen sie mit einer recht kargen Bühne (Magda Jarzabek) und einigen unspektakulären Requisiten aus. Die Decke, von deren Sorte es einige hier gibt, sie liegt bekanntlich über allem, was aus dem ein oder anderen Grund nicht ans Tageslicht darf oder soll. Das Deckmäntelchen der Verschwiegenheit wie die Decke der Verdrängung, die Decke, unter der der Depressive sich verkriecht und die Decke, die für die nichtvorhandene menschliche Nähe herhalten muss, das Verdeckte, Zugedeckte, Überdeckte, das Vergessen also, die nicht erreichbare oder verdrehte Erinnerung eingeschlossen. Alles findet sich in diesem schlichten Requisit, unter dem hier Menschen begraben und mit dem sie geschlagen werden, in das sie eingewickelt werden und hinter dem sie verschwinden. Ja, auch in diesem Stück geht es natürlich und also um etwas, wie man dem Pressetext entnehmen kann, nämlich um Erinnerungen. Hier hat man wohl aus dem persönlichen Schatz der Darsteller geschöpft, was mitunter zwar unbeholfene und Nichts sagende Sätze, dafür aber immer wieder eine berührende Authentizität schafft, ein echtes Ringen um Ausdruck. Gerne verzeiht man die etwas altmodische Entscheidung für weginszenierte Schauspieler hinter blickdichten Nischen, die jede Verabredung, also
Stichworte für Auf- und Abgänge, so anstrengend sichtbar machen. Man verzeiht überhaupt die mitunter plakativen und klischeehaften Regieeinfälle, weil jeder Akteur hier ein aufregendes, beeindruckendes Solo anzubieten hat. Da ist die mächtige, kraftvolle Komik und vehemente Zartheit von Eelix Länderer, der mit Schwimmflossen und Taucherbrille und nur in Badehose ein Disco-Potpourri der besonderen Art hinlegt. Sein Selbstmitleidstanz (mit ironisch an der Seite postierten Kol-legen-Nummemrichtern wie beim Eiskunstlauf) hat eine überzeugende und originelle Choreografie und bleibt doch Theater, also nicht überzüchtet. Beeindruckend, wie Anja Spitzer ein schwarzes Ledersofa als Partner erkundet, unter ihm hindurchgleitet und seine Ausmaße auslotet, geradezu mit ihm verschmilzt oder sich an anderer Stelle einen Ringelpulli aneignet, ihn liebt und von ihm gefesselt wird. Christian-Joachim Goehrmann darf sein ganzes Aktionsspektrum in dem Monolog einer verrückt Gewordenen im roten BH legen, wahnsinnig stark in lauten und leisen Worttiraden, das kleine scharfe Messer bedrohlich in der Faust über der Leere schwebend. Man atmet auf, wenn er/sie sich gegen den Einsatz der Waffe „entscheidet“. Kristina Scheyhing schafft es besonders bei ihrem letzten „Einsatz“ als Schauspielerin zu über-1 zeugen. Hier sucht sie das Gespräch mit einem geknebelten Partner (auch hier wieder sehr überzeugend Goehrmann) und erkundet die Absurdität der Kommunikation voller Komik und Tragik. Auch ihr hysterisch-bedrohlich es Schlaflied, mit dem sie den Gelähmten auf einem Rollbrett in die Idylle der Hölle zieht, hat viel (un)heimliche Kraft. Der als Förster verkleidete und mit dem Fernglas (nach seinen Erinnerungen?) Ausschau haltende Peter Piontek bleibt eine Figur, die ebenso gut anwesend wie nicht anwesend sein könnte. Er spielt sozusagen den grünen Faden mit Hut. Nun ja. Auch das schlichte wie kluge Kostümbild von Sabine Mech und die absolut stimmige und abwechslungsreiche Musikauswahl und Komposition von Gregor Blumenthal bereichern dieses Versatzstück ohne Zentrum und Linie und beschützen es durch die jeweils so sorgfältige Gestaltung vor der Beliebigkeit, die (eben doch) als Gefahr ständig über allem schwebt. Leider ist der Musiker und Schauspieler Gregor Blumenthal, der ebenfalls für dieses Stück auf der Bühne stand und stehen sollte, durch eine plötzliche schwere Krankheit verstorben. Es ist also nicht mehr das ursprüngliche Stück zu sehen, eine große Lücke musste gefüllt werden. Das ist den Schauspielerinnen und Schauspielern trotz und in aller Trauer gelungen. Das Publikum trampelte mit den Füßen, auch dafür. Das Kussgeräusch bleibt unbeschreiblich.

Plakat:
Ein Kuss erzeugt ein unbeschreibliches Geräusch
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